„die straßen sind nicht sicher mehr. gibt barrikaden, überfälle, gibt autonome mautstationen schon. die leute wolln die wildnis wohl zurück, die hier geherrscht hat vor der autobahn“ – „Dosenfleisch“ von Ferdinand Schmalz spielt genau dort: Am Rand einer Autobahn auf einer Raststätte, in der Betreiberin Beate und die frühere Fernsehschauspielerin Jayne ihr Unwesen treiben. Der Straßenabschnitt gilt als besonders gefährlich, weil dort das weibliche Duo infernal den Rasern und Fahrern das erhebende Gefühl eines Crashs zukommen lassen. Der Titel spielt nicht nur auf das Fleisch in der Dose, sondern die durchgewalkten menschlichen Weichteile in der ramponierten Karosserie an. Auf die Schliche kommt dem Duo der Versicherungsagent Rolf, der seine perverse Lust an Verletzungen auslebt und detaillierteste Unterscheidungen von Wundkategorien kennt: Schnitt-, Schürf-, Kratz-, Biss-, Quetschwunden etc. Seine Suche nach verborgenen Mustern der Unfallhäufigkeit bringt ihn aber nicht nur mit den beiden Frauen, sondern auch mit einem erzählendenden Fernfahrer. Ferdinand Schmalz ist ein brillanter Sprachartist, dessen Text nicht nur durchrhythmisiert ist, sondern ständig zwischen Wortspiel, Trash, Splatter und Lebensphilosophie changiert. Ein Stück wie geschaffen für die Virtuosen des Rose Theegarten Ensembles.
Lukas Linder hat im vergangenen Jahr für seine so groteske, wie einfühlsame Pubertäts-Groteske „Der Mann aus Oklahoma“ den Kleistpreis für junge Dramatiker eingestrichen. Sein neues Stück „Draußen rollt die Welt vorbei“, das die Regisseurin Mina Salehpour am Theater Bonn herausbringt, ist nicht minder schräg. Der Hausverwalter Max Mogul waltet seines autoritären Amtes. Immer zur Hand: Die Mietordnung als Zepter der Herrschaft mit weiter über 700 Punkten. Was den Clown-Rentier Schreck schwer zu stehen kommt. Die egomanische Schriftstellerin Adele Napf-Günstersloh wiederum hält spiritistische Sitzungen ab, bei denen sie als Medium fungiert. Ihr Tochter He dient ihr als willfährige Sekretärin – und flüchtet bei jeder Gelegenheit ins Kino. Und dann ist da noch Nelly mit einer unbezähmbaren Vorliebe für Snooker und Masturbation – bis sie von der Stimme ihres verstorbenen Zwillingsbruder Franz heimgesucht wird, der aus einer Pizzaschachtel zu ihr spricht. Franz ist das abwesende Zentrum des Stücks. Alle sind hinter ihm her, alle lieben ihn. Sein Tod stellt eine Zumutung dar, die niemand akzeptieren will und die mit allen Tricks umgangen wird. Für He ist er der heimliche Kinobegleiter und Adele fühlt sich in seiner fiktiven Gegenwart zur Monarchin berufen. Für Schreck sowie für den Kammerjäger Kleinmann bedeutet er Trost und Freund in den einsamen Stunden. Doch was Franz ist, weiß auch das Stück selbst nicht ganz genau: Eine „Stimme“ wie es im Figurenverzeichnis heißt, eine leibhaftige Figur, wie die Szenenanweisungen behaupten – oder ein Phantasma, das auf der Bühne zum Leben erweckt wird.
„Dosenfleisch“ | R: Thomas Wenzel | 31.3.(P)-2.4. je 20 Uhr, 3.4. 18 Uhr | Orangerie | 0221 470 45 13
„Draußen rollt die Welt vorbei“ | R:Mina Salehpour | Do 14.4.(P) 20 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08
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