Foto: Ayse Yavas

Das Unaussprechliche des Familienlebens

04. August 2026

„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26

Bieten Familien einen Hafen der Sicherheit oder bestehen sie aus toxischem Gelände? Möglicherweise trifft beides zu, nur lässt sich das auf den ersten Blick nicht immer erkennen. So glaubt Teresa, die junge Protagonistin im neuen Roman der Schweizerin Anna Ruchat, dass sie es ganz gut angetroffen hat, als sie in den frühen Achtziger Jahren ihre Stelle als Au-pair in einer Züricher Familie antritt. Der Enge ihres Dorfes im Veltlin wollte sie entkommen und gerät nun in ein intellektuelles Milieu, in dem man sich avantgardistisch gibt, aber tief in Egozentrik und bürgerlichem Standesdünkel verstrickt bleibt. Gegensätze, die die schüchterne junge Frau zunächst noch verwirren. Aber sie lernt schnell, dass man hier hohen Erziehungsidealen frönt, aber mit den beiden kleinen Söhnen nur wenig Zeit verbringt. Und Teresa erfährt, dass es mit Esther noch eine Tochter aus der ersten Ehe der Mutter, die fast in ihrem Alter ist, gibt. Esther lebt nicht im Haus, geht zum Pflegevater auf Distanz, streitet mit der Mutter und leidet an massiven Essstörungen.

Hat es da einen Missbrauch in der Familie gegeben? Schon der Titel „Vertraute Gespenster“ legt das nahe. Und doch ist es so einfach nicht, denn Anna Ruchat treibt nicht der Ehrgeiz, noch einen MeeToo-Roman vorzulegen. In der ausgezeichneten Übersetzung von Barbara Sauser hört man noch den feinen, leicht entrückten Erzählton, in dem sich das geschmeidige Deutsch der Schweizer Literatur mit dem trockenen Duktus des Norditalienischen vermischen. Anna Ruchat schreibt mit einer solchen psychologischen Präzision, dass man ihre Beschreibungen des täglichen Lebens mit Kinderbetreuung, Gesprächen am Küchentisch und Beziehungskonfusionen nicht mehr aus der Hand legen mag.

Interessant wird es zudem, als Teresa ihre Stelle verliert und sich der Roman in einzelne Erzählstimmen entflicht. Stilistisch verliert er dadurch zwar an Glanz, dafür gewinnt er mit etlichen Zeitsprüngen an Dramatik. Einfache Antworten auf die Tragik einer Familie, die ihre Kinder zu verschlingen droht, gibt es nicht. Anna Ruchat liefert die Hintergründe vielmehr subtil in den zärtlichen Beziehungen jener, die sich haben retten können.

Anna Ruchat: Vertraute Gespenster | a. d. Ital. v. Barbara Sauser | Limmat Verlag | 208 S. | 26 €

Thomas Linden

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