„Du kannst sein, was immer du willst“: Teddy 2016
Fotos: Frank Brenner

Queere Flüchtlinge

21. Februar 2016

Politisches bei der Verleihung der 30. Teddy Awards in Berlin – Festival 02/16

Freitag, 19. Februar: 30 Jahre sind bereits vergangen, seit einige engagierte Mitarbeiter der Berlinale um Manfred Salzgeber (1943-1994) und Wieland Speck (heutiger Leiter der Sektion „Panaroma“) einen queeren Filmpreis ins Leben riefen und diesen zunächst in Form von echten Stoff-Teddybären in kleinem Rahmen verliehen. Drei Jahrzehnte später ist der Teddy Award der bedeutendste queere Filmpreis weltweit, seine Verleihung während der Berlinale zieht tausende interessierte Gäste aus aller Welt an. Seinen Anspruch, einen Fokus auf alternative Lebensformen zu richten, Geschlechtsidentitäten jenseits der Norm zu propagieren und politisch gegen die Unterdrückung, Verfolgung oder Benachteiligung von LGBT-Menschen vorzugehen, hat der Teddy in all den Jahren nicht verloren. Auch wenn die Veranstaltung größer geworden ist und mittlerweile eine von Ralf König gestaltete Teddy-Trophäe verliehen wird, ist die politische Ausrichtung des Preises nach wie vor ungebrochen. Der Ex-Kölner Ralph Morgenstern, einer der Laudatoren des Abends, sagte am Roten Teppich: „Es ist nach wie vor wichtig, dass sich Schwule, Lesben und Transgender outen und rauskommen aus dem Ghetto, gerade angesichts des neuen Rechtsrucks innerhalb Deutschlands.“

Nach dem offen schwulen ehemaligen regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, ließ es sich nun auch sein Amtsnachfolger Michael Müller nicht nehmen, ein persönliches Grußwort an die Gäste in der Station in Berlin zu richten. „Als der Teddy 1987 erfunden wurde, hatten wir auch in West-Berlin noch nicht diese Selbstverständlichkeit, offen mit schwul-lesbischer Lebensweise umzugehen. Es war erst recht keine Selbstverständlichkeit, einen Preis für queere Filme zu vergeben“, so Müller. Aber genau dieses Ziel hätten die Initiatoren mittlerweile erreicht. Der Teddy sei nicht nur der bedeutendste queere Filmpreis weltweit, sondern auch ein Preis, der von den Filmemachern auf der Berlinale ganz selbstverständlich begehrt würde. Doch bei all dem Glamour und dem vertraut-familiären Beisammensein darf man nicht aus den Augen verlieren, dass es weltweit noch mehr als 70 Nationen gibt, in denen Homosexualität unter Strafe steht, in zehn von ihnen sogar unter Todesstrafe. Auf diesen Umstand machte Moderator Jochen Schropp auch bei einem Gespräch mit Amnesty-International-Mitarbeiterin Selmin Çalişkan aufmerksam, mit einem besonderen Augenmerk auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik. Çalişkan erläuterte, dass die derzeit auf drei Wochen reduzierte Abschiebezeit für Flüchtlinge aus so genannten sicheren Herkunftsländern wie Marokko, Algerien oder Tunesien, für traumatisierte LGBT-Flüchtlinge viel zu kurz sei, da diese deutlich länger bräuchten, um sich zu öffnen und über Unterdrückung, Demütigung und Gewalterfahrungen zu berichten, die in ihren Heimatländern nach wie vor tabuisiert sind und deswegen nicht zur Sprache gebracht werden.

Die neunköpfige internationale Teddy-Jury hatte in diesem Jahr die Qual der Wahl, ihre vier Siegerfilme aus 25 möglichen Lang- und 12 Kurzfilmen auszuwählen. Als besten Kurzfilm kürten sie den schwedischen Knet-Animationsfilm „Moms on Fire“ von Joanna Rytel, die darin auf humorvolle Weise die lästige Schwangerschaft zweier Frauen thematisiert. Als bester Dokumentar- bzw. Essayfilm konnte sich „Kiki“ von Sara Jordenö gegen die Konkurrenten durchsetzen, eine schwedisch-amerikanische Koproduktion, die in der Tradition des ehemaligen Teddy-Siegerfilms „Paris is Burning“ steht und die flamboyante aktuelle New Yorker Ballroom-Szene beleuchtet. Mit dem Teddy-Jury-Award wurde 2016 „Nunca vas a estar solo (You’ll never be alone)“ von Alex Anwandter ausgezeichnet. Der chilenische Film berichtet auf eindringliche Weise von gewalttätigen homophoben Übergriffen auf einen jungen Mann und beruht traurigerweise auf tatsächlichen Vorkommnissen. Auch ein Special Teddy Award für das Lebenswerk wurde im Jubiläumsjahr verliehen, an die keine Risiken scheuende Produzentin Christine Vachon, die neben sämtlichen Filmen von Todd Haynes (Teddy-Siegerfilm „Poison“, „Carol“) auch einige weitere queere Lieblingsfilme („Hedwig and the Angry Inch“, „Kill Your Darlings – Junge Wilde“) auf den Weg gebracht hat. Zum krönenden Abschluss des Abends verlieh die Jury den Teddy für den besten Spielfilm an den Überraschungssieger „Kater“ des Österreichers Händl Klaus. Der Regisseur des Films über eine schwule Beziehungskrise war über die Auszeichnung selbst dermaßen überrascht und erfreut, dass er mit seiner herzigen Dankesrede bei allen Anwesenden eine ansteckend gute Laune verbreitete.

Frank Brenner

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