Regisseur Christian Frei zu Gast im Odeon-Kino
Frank Brenner

Zu Unrecht beschuldigt

04. Februar 2026

„Blame“ im Odeon – Foyer 02/26

Dienstag, 3. Februar: Der Schweizer Filmemacher Christian Frei ist schon seit Jahrzehnten als präziser und aufrüttelnder Dokumentarfilmer international bekannt. Zu seinen bekanntesten Werken der letzten Jahre gehören Filme wie „War Photographer“ (Oscar-Nominierung), „Space Tourists“ (Regiepreis in Sundance) oder „Genesis 2.0“ (Spezialpreis in Sundance für die beste Kameraführung). Nun hat sich Frei in „Blame – Fledermäuse, Politik und ein Planet in Krise“ eines weiteren kontroversen Themas angenommen, das sich mit dem Schicksal dreier Wissenschaftler auseinandersetzt, die sich seit Jahrzehnten der Virenforschung verschrieben haben. Zhengli Shi aus China, Wang Linfa aus Singapur und Peter Daszak aus den USA kennen sich seit über 20 Jahren und haben sich in all der Zeit der Erforschung des SARS-Virus gewidmet. Im Jahr 2005, zwei Jahre nach der Pandemie, hatten sie dazu einen wichtigen wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht und vor den Gefahren einer Wiederholung mit ähnlichen Viren gewarnt. Als diese 2019 mit COVID tatsächlich eintrat, rückten die Wissenschaftler in den Fokus der Öffentlichkeit. Bald machten sich allerdings Falschmeldungen breit, die den Ursprung des tödlichen Erregers, der zu Millionen Toten und weltweiten Lockdowns führte, im Wuhan-Labor von Zhengli Shi verorteten. Angestachelt durch Falschaussagen unter Donald Trumps erster US-Präsidentschaft gerieten die Virologen ins Zielfeuer von Politik und Medien und mussten schließlich als Sündenböcke herhalten. Peter Daszak, Vorsitzender der EcoHealth Alliance, die sich der Bekämpfung globaler Pandemien verschrieben hat, musste die Arbeit seiner NGO aufgrund eingestellter Fördermittel mittlerweile beenden.


Moderatorin Carolin Riiethmüller mit Christian Frei, Foto: Frank Brenner

Einfache Narrative faszinieren

Im Film „Blame“ und im anschließenden Publikumsgespräch bei der Preview des Films im Kölner Odeon-Kino erläuterte Regisseur Christian Frei, dass er die aufkommenden Probleme seiner Protagonisten bei den Dreharbeiten zwar antizipiert habe, „allerdings nicht in diesem Ausmaß“. Dass Daszak schließlich sogar täglich Morddrohungen erhalten habe, hätte auch Frei in Angst und Schrecken versetzt. Dass weite Teile der Bevölkerung auf die bewusst gestreuten Fake News rund um den Ursprung von COVID so leichtgläubig reagiert haben, verwunderte den Filmemacher allerdings nicht. „Wir alle sind von einfachen Narrativen fasziniert, das sind Mechanismen, die fest ins uns verankert sind“, sagte er beim Filmgespräch. Vor diesem Hintergrund seien beispielsweise für Blogger ganze Geschäftsmodelle entstanden, denn mit einfachen und lauten Methoden könne man die größte Zahl an Followern erreichen. Bedenklich sei allerdings, dass sich etablierte Medien aus finanzieller Not heraus mittlerweile ähnlicher Arbeitsmethoden bedienen würden. Gleichzeitig mahnte Frei: „Wir dürfen uns aber nicht an diese falschen Behauptungen gewöhnen!“ Ein weiterer Gesprächspartner des Abends war Leon Wansleben vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Er erläuterte, dass „Politik und Medien mit Fakten anders umgehen als die Wissenschaft.“ Ein weiterer Knackpunkt sei, dass Wissenschaften oft mit der Elite in Verbindung gebracht würden und Populisten diese wieder auf die Ebene des einfachen Volkes herunterholten, gerne auch mit Hilfe von unwahren Behauptungen. Dass viele hierfür so empfänglich seien, liege auch an der Tatsache, dass angesichts dieser überwältigenden Risiken (wie Pandemien oder Klimawandel) Veränderungen im Lebensstil gefordert würden, die viele nicht akzeptieren wollten.


Leon Wansleben vom Max-Planck-Institut, Foto: Frank Brenner

Fake News gezielt verbreiten

Leon Wansleben fügte hinzu, dass die Bereitschaft, Institutionen anzuerkennen, in den letzten Jahren massiv zurückgegangen sei. Doch eigentlich sei es die Aufgabe der Wissenschaft, mit ihren Erkenntnissen die Entscheidungen der Politik in die richtigen Bahnen zu lenken. Ein weiterer Punkt, den Donald Trump in seiner zweiten Amtsperiode nun konsequent weiterverfolgt habe und der zur Einstellung von Peter Daszaks EcoHealth Alliance führte, betrifft die Praxis der Mittelvergabe. Wansleben führte aus: „Mittelvergabe für die Wissenschaft sollte nicht direkt von Politikern entschieden werden, sondern auf einer Peer-to-Peer-Ebene.“ Beim Publikumsgespräch rief Christian Frei aber auch in Erinnerung, dass das Mittel der Fake News nicht nur von den konservativen, extrem rechten Parteien genutzt würde. Die Verschwörungstheorien, die besagten, dass sich das COVID-Virus durch ein Laborleck im chinesischen Wuhan in die Welt verbreitet habe, sei damals sowohl von ganz rechten als auch von ganz linken Politikern aufgegriffen worden. In „Blame“ geht Frei auch auf eine angebliche wissenschaftliche Studie von Yan Li-Meng ein, die weltweit hohe Wellen schlug und schließlich von der Trump-Administration instrumentalisiert wurde. Für Frei und zahlreiche weitere unabhängige Faktenchecker handelt es sich bei Yans Studie um die „unhaltbaren Thesen einer unbedarften Wissenschaftlerin“. Dass genau diese von den Medien, auch in Deutschland und der Schweiz, dermaßen gepusht worden seien und die Meinung eines Großteils der Weltbevölkerung zur Ursache des Corona-Virus bis heute prägen, unterstreicht Freis Thesen anschaulich. Laut Leon Wansleben hätte auch der geopolitische Konflikt zwischen dem Westen und China dazu beigetragen, dass die „These des Laborlecks attraktiver“ geworden sei. Vergleichbar mit Trumps Vorgehen, habe hierzulande die AfD daraus eine „Cover-Up-These konstruiert“, die viele bereitwillig schlucken würden. „Blame“ ist ab 16. April regulär in den Kinos zu sehen.

Frank Brenner

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