„Lieber Herr D., wissen Sie eigentlich, dass Sie ein Arschloch sind? Sie wissen, dass Sie ein Arschloch sind. Wenn man Menschen aus ihren Häusern vergrault, mit den niederträchtigsten Mitteln, dann muss man das wissen ...“, lautet ein nie abgesendeter Brief einer Ex-Mieterin, der im Archiv für nicht abgeschickte Nachrichten in der Alten Versteigerungshalle auf dem Großmarkt für zukünftige Generationen aufbewahrt wird. In einer unkonventionellen Feldstudie zu Kommunikation sammelte der Künstlerische Leiter Nils Rottgardt und sein Team um Regisseurin Philine Velhagen anonyme Botschaften, deren Zeilen für die Empfänger:innen (bisher) unsichtbar geblieben sind. Sortiert nach Kategorien wie „Verdrängung“, „Alkohol und Drogen“, „Arschlöcher“ oder „Probleme zu groß für einen allein“ verteilen die Mitarbeiter:innen des Archivs in der Verwaltungshalle die stetig eingehenden Dokumente. Der Inhalt der Briefe füllt den Raum mit einem bizarren mehrstimmigen Murmeln, das sich zum tranceartigen Soundtrack verdichtet. Besonders aufwühlende Auszüge, wie das empörte Schreiben an den Vermieter, trägt ein Kurier per Rad und Verstärkeranlage zu empfangsbereiten Passanten auf den Chlodwigplatz. Per Video ist das Publikum hier live dabei. Zuvor haben die Zuschauer:innen mehrere Stationen zur Verinnerlichung des Sujets durchlaufen, so konnten etwa durch eigenes Einsprechen Patenschaften für Nachrichten übernommen oder die bedrückenden Mitteilungen durch behutsame Massagen wieder aus dem Körper entlassen werden.
Die barrierefreie Produktion „Botin“ des Sozialunternehmens Un-Label zeigt neue Wege des zwischenmenschlichen (Miss-) Verständnisses auf und verwirft endgültig die klassischen Strukturen des Theaters mit seinen klaren Rollenverteilungen und beschränkten Räumlichkeiten. Das Faszinosum des rund zweistündigen Stückes ist gleichzeitig auch sein größtes Risiko: Die Inszenierung funktioniert nur, wenn die Besucher:innen zur aktiven Teilhabe bereit sind. Das gelingt in der öffentlichen Generalprobe vor der Premiere vorzüglich, ohne in Theatralik auszuarten. Eine der inhaltlich wie darstellerisch innovativsten Kölner Produktionen des Jahres setzt dabei heilsame Nachrichten frei.
Barrierefreiheit: Die Aufführungen verwenden audiodeskriptive Anteile, ein Leitsystem für Menschen, die Langstöcke nutzen, und Brailleschrift zur Orientierung. Assistenzhunde sind willkommen. Die Vorstellungen am 13. und 14. September finden mit Verdolmetschung in deutscher Gebärdensprache statt. Auf dem Areal sind rollstuhlgerechte Toiletten aufgestellt, zudem gibt es persönliche Assistenten und einen Abholservice von den Bahn- oder Bushaltestellen.
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