Was geschieht nach dem Zusammenbruch, wenn alle gesellschaftlichen Systeme zusammengebrochen sind? Was für ein Leben wird das sein, wenn es keine Polizei und keine Banken mehr gibt, die Handys nicht funktionieren und die Lebensmittelversorgung nicht mehr industriell betrieben wird? Davide Longo beschreibt in seinem neuen Roman „Der aufrechte Mann“ ein namenloses Land, das sich in einem Zustand nach der Katastrophe befindet, und das unschwer als Italien zu identifizieren ist. Im Rahmen der lit.Cologne stellte er seine imposante Vision des Untergangs vor. Ein epochales Werk, das wie schon Longos brillanter Roman „Der Steingänger“ aus der Beschreibung des konkreten Lebens auf dem Lande seinen sinnlichen Reiz bezieht. Für Longo bleibt die Welt auch dort, wo es um die großen gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse geht, immer unmittelbar über den Körper, über das, was Menschen fühlen, was sie essen, was sie am Körper tragen und ihre Art und Weise ausmacht, in der sie miteinander sprechen, erfahrbar. Alle Erkenntnis geht für ihn aus den Sinnen hervor.
Die Straßen sind leer, Männer mit Gewehren streifen durch die Orte, freigelassene Hunde tauchen aus dem Nichts auf. Der Autor und Literaturwissenschaftler Leonardo macht sich mit Sohn und Tochter auf den Weg, um das Land zu verlassen, nachdem die Familie ausgeraubt wurde. Die Universität hatte ihn entlassen, nachdem er im Zuge einer Affäre mit einer Studentin, angeklagt worden war. Die drei geraten in das Herrschaftsgebiet eines Bandenführers, der Jugendliche mit Drogen gefügig macht. Er demütigt Leonardo, der barfuß im Feuer tanzt. Aber die Demütigung versetzt ihn in einen Zustand wahnsinniger Entschlossenheit, in dem er die Kraft, zu handeln, wiedergewinnt, um das Böse zu besiegen. Ein Begriff, den der 41-jährige Norditaliener auch im Gespräch mit Paola Barbon, die den Abend im Italienischen Kulturinstitut moderierte, immer wieder benutzt.
Für Longo ist die Apokalypse denn auch ein „Exorzismus des Bösen“, in dem die Chance „für eine Erneuerung“ enthalten ist. „Eine Gesellschaft hat wie ein Individuum nur zwei Möglichkeiten“, erklärt der Italiener, „entweder man setzt sich auf ein Sofa und wartet bis der Tod kommt, oder man ist aktiv und entdeckt die Liebe für sich“.
Nordeuropa bescheinigt Longo noch „die Kraft und die Phantasie zur Veränderung und vor allem die Fähigkeit, eine Zukunft zu denken. In Italien beschränkt man sich hingegen nur darauf, den erreichten Wohlstand zu erhalten. Aber es gibt für eine Gesellschaft nur zwei Möglichkeiten, Wachstum oder Degeneration“.
So liest sich seine Geschichte vom Mann, der sich selbst verstümmeln muss, um wieder zu sich zu finden, wie eine kaltblütige Abrechnung mit einer Gesellschaft, die in ihrer Ängstlichkeit zu keiner Bewegung mehr fähig ist. Longos Sprache, seine Bilder, sind zärtlich und von einer wundervoll sinnlichen Unmittelbarkeit. Auch dieser große Romanentwurf erinnert in seinem Ton stark an die Prosa des großen englischen Erzählers und Essayisten John Berger. Auch Berger zeichnet den Untergang des westlichen Europas liebevoll nach, bei Davide Longo gewinnt die Apokalypse jedoch einen Unterton, der der Gewalt den Status eines Naturgesetzes einräumt. In jedem Fall gehört sein Roman zu jenen Büchern, die, nachdem man ihre letzte Seite gelesen hat, noch lange in einem nachklingen.
Davide Longo: Der aufrechte Mann. Deutsch von Barbara Kleiner. Rowohlt Verlag, 478 S., 24,95 €
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