Und es tat sich ein Schlund auf und riss die Menschheit in den Abgrund. Vorher aber noch ab in den Garten. Dort findet man Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), bis es gießt in Strömen oder London bei einem Erdbeben vernichtet wird, während alle noch den brav den Müll trennen. Alles ist so aussichtslos, Mutter Erde hat längst begonnen zurückzuschlagen. Da helfen auch keine Rituale in Schwitzhütten mehr oder biodynamische Trommelreisen. Das Chaos ist unabwendbar. In den Bonner Kammerspielen inszeniert Johannes Lepper in deutschsprachiger Erstaufführung das „Erdbeben in London“ vom Briten Mike Bartlett, eine Familienfarce in Videobildern, ein Parforceritt durch die Menschengeschichte. Lynn Margulis‘ und James Lovelocks Gaia-Hypothese aus den 1960ern ist mal wieder hip im Theater angekommen, die sich wehrende Erde verharrt da noch als Damoklesschwert und mit Hoffnung für immerhin eine Milliarde Menschen. Die restlichen sechs Milliarden werden ins Gras beißen, so viel ist sicher.
Das hat Robert (Wolfgang Rüter), Cambridge-Absolvent mit Doktorarbeit über chemische Prozesse auf anderen Planeten, längst erkannt. Dennoch lässt er sich von den Airline-Multis kaufen und schönt Umweltgutachten. Er hat eine junge Familie und braucht das Geld. Dann stirbt seine Frau, und die Welt ist für ihn untergegangen, seine drei Töchter sind auf sich alleingestellt. Aber sein Endzeit-Einfluss wirkt: Die Älteste (Maria Munkert) wird Umweltministerin, ist aber privat ziemlich unglücklich, die Mittlere (Birte Schrein) wird gegen seinen Willen schwanger und will sich wegen der drohenden Apokalypse in die Themse stürzen, die Jüngste (Tatjana Pasztor) agitiert politisch in einem Stripclub, kämpft aber aussichtslos gegen Drogen und Orientierungslosigkeit. Soweit die Familienstränge, die Bartlett in die Handlung über Umweltsünden und ihre Folgen, über Profitgier und Lifestyle eingewoben oder besser: zerstückelt hat. Leppers Inszenierung in einem Laboratorium der Reizüberflutung muss diese Szenen-Schnipsel zu einem halbwegs nachvollziehbaren Ganzen zusammenfügen. Dass das nicht immer gelingt, ist kein Manko, sondern systemimmanent vom Autor vorgesehen, der sich nicht nur Musik, Videoprojektionen und viel Licht (mehr Licht) gewünscht hat, sondern auch Maßlosigkeit. Lepper fährt gönnerhaft viele dramatische technische Spielereien auf, vom strömenden Regen über die Schaukel quer über die Bühne, vom Bühnengerüst mit Feuerwehrstange bis hin zu ständig spritzendem Starbucks-Latte und nackten Schauspielern. Und alles auf einer leeren grauen Bühne, nur ein Sofa und ein Schreibtisch verlieren sich im Rechteck der ewig flimmernden Videoleinwände. Und ständig klopft das kleine Herz der ungeborenen Emily.
Was anfangs ziemlich nervig über die Rampe schwappte, wird mit der Zeit zum Konzept, die theatralische Dramaturgie zur artifiziellen Performance, die immerhin drei Stunden im Flug vergehen lässt, wenn auch der theoretische Überbau des Stücks kaum überzeugen kann. Zu platt gestrickt sind die Kontrahenten um Zukunft und Macht, zu stereotyp die Personenzeichnungen. Einzig Birte Schreins Melancholie als werdende Mutter wider Willen fällt da positiv aus dem Raster.
„Erdbeben in London“ I Fr 30.12., 19.30 Uhr I Kammerspiele Bonn I 0228 77 80 08 22
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