Foto: Götz von Vogelstein

Pathos und Narzissmus

01. Februar 2021

Best-of-Stream von „Das süße Verzweifeln“ am Theater der Keller – Theater am Rhein 02/21

„Ich mache meine Interviews mit fünf Wörtern: Tod Verzweiflung Selbstmord, Scheitern, Angst“, so pathetisch formulierte André Müller, der in den 1970er und 1980er Jahre so etwas wie der Gott des feuilletonistischen Beichtstuhls war, sein journalistisches Credo. Unter dem Titel „Das süße verzweifeln“ hat der junge Regisseur Emanuel Tandler die im Netz verfügbaren Interviews von Müller zu einem Theaterabend verarbeitet, der zunächst einmal das nachholt, was Müller in seinen Interviews eher verklausuliert preisgab: Er spricht über sich selbst, seine Herkunft, seine Kindheit, ohne leiblichen Vater, vulgo seinen Narzissmus.

Müller entblößt sich und könnte nicht angezogener sein: Matthias Lühn, Melanie Lüninghöner, Philipp Sebastian, Susanne Seuffert tragen uniforme beige-graue Anzüge als gesellschaftliche Rüstung. Rasenballen, Vitrine mit Bäumchen, Vögeln und Geige, Klavier und Kühlschrank deuten ein Setting an zwischen Ausstellung, Bürgerlichkeit und Alltag. Das Quartett spricht mal im Chor, zappelt wie Marionetten, verstrickt sich in den Bändern einer Audiokassette, hält Vorträge. Dazwischen geschnitten haben Tandler und Videoregisseurin Sandra Riedmair ein am Tisch nachgestelltes Interview mit Alice Schwarzer (gespielt von Laura Sundermann), das eher einem absurden Zweikampf als einem Gespräch ähnelt.

Das zum Premierentermin gestreamte 30-minütige Best-of des Abends gibt einen ersten Eindruck der Inszenierung. Auch wenn die ausgewählten Szenen  zunächst viel szenische Konvention offenbaren, macht vor allem der absurde Witz Lust auf die Bühnenversion.

Das süße Verzweifeln | R: Emanuel Tandler | Mi 17.3. 20 Uhr (geplant) | Theater der Keller | 0221 31 80 59

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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