Donnerstag, 3. Januar: Der Wiener Filmemacher Ulrich Seidl, der im vergangenen Jahr seinen sechzigsten Geburtstag feierte, ist derzeit auf dem Zenith seines künstlerischen Schaffens angelangt. Ursprünglich hatte er geplant, einen Film mit drei parallel vernetzten Erzählungen in Episoden zu realisieren, der nun aber zu einer ganzen Filmtrilogie angewachsen ist. Den ersten Teil, „Paradies: Liebe“, stellte Seidl nun in einer Premierenveranstaltung im Off-Broadway in Köln vor. Seine Welturaufführung hatte der Film im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes gefeiert. Teil zwei, „Paradies: Glaube“, lief im Wettbewerbsprogramm von Venedig, wo er mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, während der Abschlussfilm „Paradies: Hoffnung“ im Februar in Berlin um den Goldenen Bären konkurrieren wird.
Moderator Frank Olbert wies stolz auf diesen Festival-Hattrick Seidls hin, zu dem es nie gekommen wäre, wenn der Regisseur aus seinem Stoff tatsächlich nur einen Film gemacht hätte. In Köln kommentierte Seidl: „Ich habe so gedreht, dass jede Episode auch als einzelner Film funktioniert.“ Als er aus den 90 Stunden Rohfilmmaterial am Ende einen Sechsstunden-Film destilliert hatte, war allerdings klar, dass man diese gewaltige Länge am besten doch in drei einzelne Filme aufbrechen müsse, da es dadurch zum besten künstlerischen Ergebnis käme. „Das hat es noch nie gegeben, dass einer mit dem Dreh eines Films beginnt und am Ende mit drei Filmen rauskommt“, so Seidl. Die ebenfalls anwesende Protagonistin Margarete Tiesel, die in „Paradies: Liebe“ die Rolle einer Sugar Mama spielt, wusste nach eigenen Angaben erst nach der dritten Castingrunde, was genau sich hinter ihrer Figur verbarg. Denn erst dann hatte sie mit ihrem dunkelhäutigen Co-Star zu improvisieren, wobei die sexuellen Komponenten der Handlung nicht mehr verborgen bleiben konnten. Tiesel erläuterte, dass Ulrich Seidl seine Schauspieler am Set provoziere, um sie aus der Reserve zu locken und so die Ergebnisse zu erzielen, die man dann im Film sieht.
Ein Drehbuch im eigentlichen Sinne ist bei seinen Dreharbeiten gar nicht mehr dabei. Seidl schreibe zwar sehr genaue Drehbücher, die er dann bei Fördergremien einreiche, aber nie Dialoge. Bei seinen Milieustudien vor Ort verändert sich noch sehr viel vom vorab Ausgedachten, die Besetzung beeinflusst schließlich die auf dem Papier angelegten Rollen und alles entwickelt sich von Tag zu Tag weiter. Spannungspotenzial ergab sich hier auch durch die Tatsache, dass Seidl für die Rollen der Sugar Mamas professionelle Schauspielerinnen besetzte, die sich prostituierenden afrikanischen Beach Boys allerdings von Laien spielen ließ, die auch im echten Leben durch den Verkauf ihrer Körper ihre ganzen Familien ernähren. Den Unterschied der Sugar Mamas zu männlichen Sextouristen brachte Seidl abschließend noch anschaulich auf den Punkt: „Bei ihnen geht es um das Gefühl der Verliebtheit, deswegen sieht man auch nie eine reine Geldübergabe wie beispielsweise bei weiblicher Prostitution.“
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