Schwarz gekleidet in einen Existenzialisten-Pullover mit Rollkragen, mit langem, blondem Haar, eine Zigarette zwischen den schlanken Fingern balancierend, schaut sie lächelnd in den Raum: eine Frau, deren Schönheit es spielend mit den weiblichen Ikonen ihrer Zeit wie Marlène Jobert oder Francoise Hardy aufnehmen konnte. Sie wirkt selbstbewusst auf der Fotografie, die auch Buchcover ist; niemand käme bei ihrem Anblick darauf, dass Lucile ein Leben lang mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Ihre Tochter weiß es besser: „Wenn ich mit meiner Schwester Manon aus der Schule nach Hause kam, beschlich uns stets die Angst, die Mutter tot in der Wohnung vorzufinden“, gesteht Delphine de Vigan. Tatsächlich sollte sich diese Szene dann später ereignen, als Delphine längst erwachsen ist. Ihr autobiographisches Familienportrait „Das Lächeln meiner Mutter“ eröffnet sie mit dieser Situation. Ein Buch, das in Frankreich nach wenigen Monaten die Schallmauer von 500 000 verkauften Exemplaren durchschlug.
Als Gast der lit.COLOGNE berichtet die 47jährige Pariserin im Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR von der Angst, die ihr Leben an der Seite einer von Drogen und Medikamenten abhängigen Mutter unterminierte. Abgeklärt beschreibt sie ihre familiären Recherchen zum Tode der Mutter, in deren Verlauf sie auf jenes beinharte Schweigen stieß, das die Tabus des Missbrauchs umgibt. Die Dramatisierung des Stoffs liefert dann Carine Debrabandère in ihrer Moderation nach, mit der sie emphatisch den Abend begleitet. Maria Schrader liest derweil zart, aber unbeirrbar geradlinig über Kindheitserlebnisse aus den 50er Jahren, als Delphine de Vigans Mutter im Kreise von sieben Geschwistern aufwuchs.
Zunächst geht es fröhlich zu, aber dann stirbt ein erstes Geschwister, andere folgen, und der charmante Vater verwandelt sich in ein Ungeheuer, dessen Untaten nicht nur einen Schatten auf das Leben seiner Tochter, sondern auch auf das seiner Enkelin Delphine werfen. „Literatur stellt Fragen, sie muss aber nicht die Antworten geben“, erklärt Delphine de Vigan erleichtert und bezieht sich dabei auf die vielstimmige Tragödie, von der sie in ihrem Buch berichtet. „Ich habe meiner Verlegerin beteuert, dass es für dieses Buch kein Publikum geben wird. Der Erfolg des Buches hat mich dann vollkommen überrascht“, verrät die Französin, der mit ihrem Jugendroman „No & ich“ schon ein herausragendes Stück Literatur gelungen ist. Ihr Publikum – das den großen Saal des WDR bis zum letzten Platz füllt – erstaunt diese Tatsache hingegen keine Sekunde, denn de Vigans Prosa ist suggestiv angelegt. Sie saugt die Leser in die Szenerie einer bürgerlichen Familie hinein, hinter deren wohlanständiger Fassade Schlachten zwischen den Generationen geschlagen werden. Selten präsentiert ein Autor autobiographisches Material mit einem derartigen Gespür für effektvolle Szenen und Bilder. Wie in einem Film sieht man die Kinder fröhlich in die Sommerferien fahren, und dann stürzt ein Bruder in einen Brunnenschacht. Jede Passage ist professionell vorbereitet, so dass man mit angehaltenem Atem über die Seiten fliegt.
Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter | Deutsch von Doris Heinemann | Droemer Verlag, 384 S., 19,99 Euro
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