Cornelia Klauß im Gespräch mit Alice Agneskirchner
Foto: Frank Brenner

Gerd-Ruge-Stipendiatin

27. Februar 2014

„Ein Apartment in Berlin“ in der Aula der Kunsthochschule Köln – Foyer 03/14

Mittwoch, 29. Januar:Im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals „Stranger Than Fiction“ fanden 2014 zum zweiten Mal auch Werkstattgespräche mit Preisträgern des „Gerd-Ruge-Stipendiums“ statt. Dirk Steinkühler, einer der beiden Projektleiter des Festivals, eröffnete die Veranstaltung und erläuterte die Hintergründe: „Das mit 100.000 Euro dotierte Gerd-Ruge-Stipendium ermöglicht es den Filmemachern, intensive Recherchen für ihre Dokumentarfilme zu betreiben und sie kinotauglich zu machen.“ Für das anschließende Werkstattgespräch mit der Regisseurin Alice Agneskirchner, die ihr Stipendium für die Realisierung des Films „Ein Apartment in Berlin“ genutzt hatte, konnte man als Moderatorin Cornelia Klauß gewinnen, die als freie Autorin und Kuratorin u.a. für die DOK Leipzig und die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen gearbeitet hat. Im offenen Dialog mit dem Publikum in der Aula der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) unterhielten sich die beiden über den langwierigen Entstehungsprozess des Films, die Vor- und Nachteile des Stipendiums und inhaltliche Fragen des Hybridfilms aus dokumentarischen und fiktionalen Elementen.

Dirk Steinkühler eröffnete die Gesprächsrunde in der KHM, Foto: Frank Brenner

Die eigentliche Filmidee Alice Agneskirchners hatte darin bestanden, eine Vorkriegswohnung jüdischer Deutscher möglichst genau nach historischen Maßstäben zu rekonstruieren. Als sie bei ihren Recherchen auf einige junge Israelis stieß, die in Berlin lebten, wollte die Filmemacherin diese allerdings gerne zu einem weiteren Teil ihres Films machen. Nach etlichen Absagen bei verschiedenen Förderstellen und Fernsehredaktionen erhielt Agneskirchner beim Gerd-Ruge-Stipendium eine erste Zusage, die wie eine Initialzündung funktionierte. Daraufhin war es ihr möglich, einen Trailer ihres Films zu produzieren und damit abermals auf potenzielle weitere Geldgeber zuzugehen. Agneskirchners Dilemma entstand daraus, dass sie zwar nun ein Förderstipendiat hatte, aber nach wie vor abgewiesen wurde und die Realisierung des Films zu scheitern drohte. „Es gab die unterschiedlichsten Ablehnungsgründe. Einige wollten nicht schon wieder etwas zum Holocaust machen, andere konnten den Film nicht schematisch einordnen, weswegen kein Sendeplatz gefunden werden konnte.“ Da „Ein Apartment in Berlin“ sowohl historisch als auch aktuell ist, da er sowohl Dokumentarisches als auch Inszeniertes enthält, fiel er bei den Fernsehsendern durch sämtliche Raster. Nach einem insgesamt rund viereinhalb Jahre währenden Prozess glückte Agneskirchner die Akquise schließlich doch noch und sie fand mit dem rbb und 3sat zwei Sender, die sich für ihre ungewöhnliche Thematik begeistern konnten. Drehbeginn und Sendetermin lagen dann plötzlich nur noch wenige Monate auseinander.

Gerd-Ruge-Stipendiatin Alice Agneskirchne, Foto: Frank Brenner

Alice Agneskirchner offenbarte im Werkstattgespräch ihren Bezug zum deutsch-jüdischen Verhältnis. Als Kind der 70er Jahre hatte sie mit ihren Eltern nie über das Dritte Reich gesprochen, auch in der Schule hatte sie noch nichts darüber erfahren, als sie im Fernsehen durch die Serie „Holocaust“ schockartig zum ersten Mal von den Gräueln der NS-Diktatur erfuhr. Für sie war es nur eine Frage der Zeit, wann sie sich auch einmal filmisch dieser Thematik annähern würde. „Ich habe in meinen Filmen alle deutschen Themen ausgelotet, von der Polizei bis zu den Hundebesitzern. Irgendwann war dann auch der Zeitpunkt hierfür gekommen.“ Für Cornelia Klauß erwies sich insbesondere ein Aspekt von „Ein Apartment in Berlin“ als interessant und ungewöhnlich: Agneskirchner liefert darin Dokumente und Fotos von Vermögensauflösungen, die nach den Enteignungen der Nationalsozialisten an der Tagesordnung standen, von der aber auch die normale Bevölkerung in hohem Maße profitieren konnte. Bei öffentlichen Versteigerungen waren es insbesondere die direkten Nachbarn, die bei den „Schnäppchen“ zuschlugen. Die Regisseurin selbst stieß bei der Akteneinsicht auf unzählige bürokratische Details, die wiederum deutlich machten, welche Unmenge an Leuten in jedem Einzelfall einer Vermögensauflösung aktiv an diesem Prozess beteiligt war. Hier konnte die Pingeligkeit der Deutschen dem Rechercheur detaillierte Einblicke in ein perfides Regime gewähren.

Frank Brenner

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