Heiner Müllers Halbwertzeit als Dramatiker nahm in den letzten 26 Jahren stetig ab. Unverständlich angesichts mancher bis heute aktuellen Stücke, die sich allerdings dem konsumierenden Genuss verschließen. Seine Adaption von Sophokles‘ „Philoktet“ kommt mit einer Sprachwucht daher, die noch heute irritiert. Hansgünter Heyme, der nach 36 Jahren wieder in Köln inszeniert, nimmt dieses kalte Pathos als sei’s von heute. Nach einem Clownsvorspiel geht es ums ideologische Ganze auf der mit grauer Folie und vier Scheinwerfern ausstaffierten Bühne. Einst hatte Philoktet am Beginn des trojanischen Krieges ein Opfer für die Überfahrt gebracht und sich dafür eine stinkende Wunde und brüllende Schmerzen eingehandelt.
Als Dank setzte ihn Odysseus auf der Insel Lemnos aus. Jetzt, nach 10 Jahren Stellungskrieg, wird der Bogenschütze wieder gebraucht. Odysseus im schwarzen Mantel kennt keine Skrupel. Es ist Krieg und der Zweck heiligt die Mittel. André Lehnert presst sein Prinzip, Menschen als Material für den Sieg zu instrumentalisieren, unter Hochdruck heraus. Der Bauer in seinem Spiel ist der junge Neoptolemos, ein kriegerischer Hänfling, der moralisch integer zu sein versucht. Henning Jung agiert mit deutlich zurückgenommenen Brio: Hier artikuliert sich eine jüngere Generation, in der Spielweise wie im Verhältnis zum Krieg. Seine Wut auf Odysseus, der ihm die Rüstung seines Vaters vorenthalten hat, dient als Seelenschmeichler bei Philoktet.
Doch der ist nur noch so ein Rasender (Dimitri Tellis), den Fuß abgebunden, der Mantel von Geiern vollgeschissen. Odysseus‘ brutale Indienstnahme findet hier ihre Kehrseite im hemmungslos Schmerz und seelische Verletzung herausbrüllenden Privatissimum. Heyme inszeniert auf der kleinen Bühne streng choreografisch und mit Pathos, entdeckt aber hinter dem Drama um (Kriegs-)Dienst und privates Leid ein Drama der Generationen, in dem die ältere die jüngere missbraucht. Gelegentlich streift dieses Hochdruck-Theater die Komik; da weiß der Regisseur den Autor auf seiner Seite: „Philoktet, Odysseus, Neoptolemos: drei Clowns und Gladiatoren ihrer Weltanschauung“, schrieb Müller später.
„Philoktet“ | R: Hansgünter Heyme | Fr 10.4., Sa 11.4. 20.30 Uhr | Theater Tiefrot | 0221 46 00 911
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