Die Halbwertzeit zeitgenössischer Dramatik ist extrem kurz. Bei Jungdramatikern und deren Stücken beträgt sie derzeit kaum mehr als zwei Jahre, bei den dichtenden Großmogulen liegt sie bei etwa 20 Jahren. Auch Thomas Bernhards Stücke sind in die große Dramenablage gewandert und stauben dort vor sich hin. Nicht so seine Romane und Erzählungen. Im Theater im Bauturm hat Rüdiger Pape jetzt mit Erfolg Bernhards Text „Gehen“ auf die Bühne gebracht. Auf knapp 100 Seiten berichtet ein namenloser Erzähler von den Spaziergängen mit Oehler, der sich wiederum über das Verrücktwerden Karrers und dessen Einlieferung in der Anstalt Steinhof auslässt. Ein anhaltender Redestrom, nur unterbrochen von den Inquit-Formeln der indirekten Rede. Dass Pape den Text als Dialog strukturiert, wirkt zunächst wie eine Kapitulation, doch lassen Regina Welz als sitzender Oehler und Lisa Sophie Kusz als herumtigernder Erzähler sofort die Assoziation an Becketts heruntergekommene Existenzialexzentriker aufblitzen. Wie bei dem irischen Dramatiker sind auch hier die Rollen ungleich verteilt: Während Welz mit professoralem Gestus schwadroniert, streut Kusz nur gelegentlich ein „sagte er“ dazwischen. Ansonsten illustriert sie die Abhängigkeit durch nachahmende Schritte, ängstlich sich rückversichernde Blicke oder gequälte Mimik. Immerhin darf Kusz durch die Sehschlitze in Regina Rösings ingeniöser parabelförmiger Wandkonstruktion hindurchsehen.
Das Auseinanderfallen von Denken und Körper, das der Text immer wieder beklagt, wird so in einer Herr-Knecht-Beziehung anschaulich gemacht und der epische Text zugleich für die Bühne strukturiert. Doch die komplementäre, clowneske Kleidung der beiden Protagonisten mit blauer Hose und braun-karierter Jacke hier, blauem Jackett und brauner Hose dort, lässt dann doch wieder auf ein einziges monomanisches Ich rückschließen, ein mit sich selbst haderndes Subjekt, dass zudem beständig über das Denken als Reproduktion von Zitiertem und Angelesenem klagt. Mit der Schilderung von Karrers Wahnsinn wird Kusz‘ Erzähler gar zum geprügelten Opfer, das Oehlers Schläge mit einem Stock quasi antizipiert; schließlich verbrüdern die beiden sich, wechseln die Jacketts und nehmen gemeinsam auf dem Stuhl Platz. Dem Team um Regisseur Rüdiger Pape gelingt eine zwischen Komik und bohrender Dringlichkeit beeindruckende Deutung dieses schwierigen Textes von Thomas Bernhard.
„Gehen“ | R: Rüdiger Pape | 31.5., 10.6. 20 Uhr, 6.7. 18 Uhr | Theater im Bauturm | 0221 52 42 42
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