Zwei Zuschauern, die die Kölner Oper am Dom verlassen, steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Unter einem Tanzstück über „Tausendundeine Nacht“ hatten sie sich etwas anderes vorgestellt. Dabei war der Einstieg in „Les Nuits“ von Angelin Preljocaj, dem hochgelobten französischen Choreografen, so stimmungsvoll und vielversprechend, dass man damit gleich eine Anmutung vom Zauber des Orients erhalten hat: In einem Dampfbad räkeln sich halb entblößte Haremsdamen zu gedämpfter sphärischer Musik. Pralle Körperlichkeit lässt die Luft knistern. Lasziv recken sie Körper und Arme, bilden zwei Gruppen, die sich nun spiegelgleich schlängeln und winden, umschlingen und strecken. Doch eine Gruppe vermummter Gestalten sprengt diese orientalische Idylle – die Frauen werden verschleppt –, so dass man leicht vermuten könnte, der Choreograf wolle aufräumen mit den verqueren Stereotypen, die unser Bild vom Orient bestimmen. Immerhin will Angelin Preljocaj erklärtermaßen „so nah wie möglich an die Geheimnisse eines erträumten Orient gelangen“. Die sieht er vor allem in den drastischen erotischen Momenten der mythologischen Erzählungen.
Doch „Tausendundeine Nacht“ ist mehr. Weder Basare und Karawansereien noch eines der vielen Märchen finden sich auf der Bühne wieder. So wird Preljocajs Begriff von weiblicher Erotik selbst zum Klischee. Dass er damit auch der Weiblichkeit heutiger Frauen nicht gerecht wird, folgt zwangsläufig. Dabei will er doch in diesem Stück „den Platz der Frau in unseren Gesellschaften hinterfragen“. Noch während die Ninja-ähnlichen Männer die Frauen verschleppen, drängt das Ensemble auf die Bühne, um temperamentvoll zur rockig-peitschenden Musik von Natacha Atlas und Samy Bishai in frechen kurzen Röcken des Modedesigners und Kostümbildners Azzedine Alaïa das Szenario zu modernisieren. Und das heißt: den Sex auf die Bühne zu bringen. Es dauert nicht lange, da wälzt sich die ganze Truppe kopulierend auf dem Boden. Und ein sehr schönes Duett, bei dem die Frau in Nacktheit kostümiert ist, endet ebenfalls beim Sex. Da erscheint es als billige Reminiszenz an den Zeitgeist, wenn Preljocaj auch zwei Duette für gleichgeschlechtliche Partner inszeniert. In diesen großartig choreografierten wie getanzten Duetten blitzt dann endlich etwas von Preljocajs Talent für außergewöhnliche Choreografien auf.
Aber der Wechsel aus orientalisch konnotierten Szenen und den wie Pausenfüller wirkenden Ensembleszenen zieht sich durch den ganzen Abend. Das Abstraktionsvermögen der Zuschauer wird arg herausgefordert, um in diesen flippigen Auftritten den Bezug zum Thema zu erkennen. Als sich dann noch die Tänzerinnen ähnlich den Girls von „Moulin Rouge“ in einer Reihe formieren und zum Klassiker „It’s a Man’s Man’s Man’s World“ (hier gesungen von Natacha Atlas) im dramatischen Oberlicht posieren, ist klar, dass Preljocaj wohl noch eine tausendundzweite Geschichte erzählen will: die der lüsternen Männer, deren Gesten hier regelmäßig im Schritt der Frau enden. Musikalisch wird das oft unterlegt von der Kanun, der orientalischen Kastenzither, um der Szenerie das entsprechende Orient-Kolorit zu geben. Von einer gesunden spannungsreichen Polarität der Geschlechter kann da nicht mehr die Rede sein. Später wird „a Man’s World“ gar noch ein zweites Mal eingespielt, denn jetzt müssen auch die Tänzer mit ihren Sixpacks in Kopulationsbewegungen posieren. Da passt es durchaus, drei Tänzerinnen im Spagat auf drei riesigen Amphoren herumturnen zu lassen. Die Frau als Gefäß männlicher Sexual-Fantasien, reduziert auf ihren Reproduktionspart. War man während des ganzen Tanzstückes immer wieder geneigt, das Ganze als Ironie zu verstehen, lässt spätestens jetzt die Inszenierung dazu keinen Raum. Was bleibt, ist eine tänzerische Show mit reichlich allegorischem Firlefanz, bunt, laut, knallig und sicher gut fürs Casino de Paris (wie ein Zuschauer beim Hinausgehen kommentierte). Wie enden doch die Erzählungen in „Tausendundeine Nacht“: „Und Scheherazade schwieg.“
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