Schräge Töne und Wohlfühl-Balladen, Dissonanzen und Harmonien, Musik fürs Hirn und fürs Herz: Das Jazzfest Bonn hat im Volksbankhaus einmal mehr mit Kontrasten gespielt und ein Doppelkonzert auf die Beine gestellt, das verblüffte und begeisterte, irritierte und verzückte. Meist alles auf einmal. Ausnahme-Saxofonist Roger Hanschel und das weltberühmte Auryn Quartett, das kurz vor dem Ende einer 40 Jahre andauernden Karriere steht, trafen in Sichtweite der Rheinauen auf die norwegische Sängerin Silje Nergaard, die zuletzt mit einer Hausmusik der besonderen Art zu überzeugen wusste. Eine reizvolle Kombination, die vor allem in der ersten Hälfte des Abends zahlreiche Reibungspunkte bot – und am Ende einen versöhnlichen Ausklang fand.
Ein gefälliges Spiel kann man Hanschel und dem Auryn Quartett nun wahrlich nicht unterstellen. Der vielseitige, wandlungsfähige Jazzer und die vier Kammermusiker, die ohne Frage zu den Besten ihres Fachs gehören, arbeiten schon seit Jahren zusammen und überschreiten in ihren Konzerten konsequent Grenzen aller Art, um die Kompositionskraft der Klassik mit der Unvorhersehbarkeit der Improvisation zu vereinen. Vor allem für Hanschel bedeutet dies ein ständiges Springen zwischen den Polen, was ihm wahrlich meisterhaft gelingt. Mehr noch: Wie kein anderer Saxofonist versteht er es, sich bei Bedarf als Geige oder Bratsche zu tarnen, mit einem so feinen, differenzierten, fantastischen Ton, als wäre er eine organische Erweiterung eines Streichquartetts, das geschickt zwischen Neuer Musik, Jazz und Klassik balanciert – mal sperrig, mal romantisch, immer wieder ungewöhnlich.
Schönheit, so heißt es ja, liegt stets im Auge des Betrachters, was auch für jene Passagen gilt, in denen die Töne ganz dicht aneinander vorbeizischen und die Intonationen zu wackeln scheinen; technisch war aber das gesamte Konzert im Volksbankhaus unbestreitbar auf allerhöchstem Niveau. Ein Genuss für die grauen Zellen, der leider nicht wiederholt werden kann, wird sich doch das Auryn Quartett Anfang kommenden Jahres endgültig auflösen. Hanschel hingegen wird sich weiterhin mit alten und neuen Projekten beschäftigen, sei es mit dem Jazzstreichquartett String Thing oder mit einer der zahlreichen anderen Formationen, denen er angehört.
Während das Konzert von Hanschel und dem Auryn Quartett den Geist forderte, gab Silje Neergard der Seele Futter. Die 55-Jährige ist derzeit in der kleinstmöglichen Besetzung auf Tour, verlässt sich ganz auf ihren Pianisten Espen Berg und auf ihre warme Stimme. Mehr braucht sie auch nicht, wie die ersten Lieder in Bonn eindrucksvoll bewiesen. Eine aufs Minimum reduzierte Klavierbegleitung setzte geradezu ätherische Akzente, über die sich Nergaards zarter, fast schon zerbrechlicher Gesang in die Höhe schwang und vom Regen auf den Dächern sang, und von Vögeln am Fenster. Schöner hätte Nergaard kaum auf ihr aktuelles Album „Houses“ hinweisen können, das während des Lockdowns entstand und sich aus Geschichten aus der Nachbarschaft der Sängerin speist. Doch neben neuen Titeln nahm sich diese auch einige Klassiker vor, das gefühlvolle „Be Still My Heart“ zum Beispiel oder ihr erster großer Durchbruch: das mit Pat Matheny eingespielte, herrlich rollende „Tell Me Where You're Going“. Herausragend war zudem „Long Walk“, bei dem Espen Berg dem Flügel einen Kontrabass-Sound verlieh und Nergaard damit einen Drive erhielt, der ihr hervorragend stand. Davon bitte mehr. Und von allem anderen auch.
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