An einem der höchsten koreanischen Feiertage trifft sich die Familie der jungen Jiyoung bei den Eltern ihres Mannes. Auf eine Frage ihrer Schwiegermutter antwortet die Mittdreißigerin plötzlich nicht mit ihrer eigenen, sondern mit der Stimme ihrer Mutter. Ein Lapsus, der sich zur Katastrophe auswächst. Jiyoung „flüchtet“ von nun an nämlich immer häufiger in die Haut weiblicher Alter Egos. Eine Krankheit verbirgt sich allerdings nicht dahinter, denn die Heldin aus Cho Nam-Joos Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ ist eine durchschnittliche Jederfrau, die letztlich völlig adäquat auf eine extrem patriarchale Gesellschaft reagiert.

Marie Schleef hat den 2015 erschienen Roman auf geradezu kongeniale Weise für die Bühne adaptiert. Zum einen gelingt dem Darstellerinnen-Trio Nicola Gründel, Kristin Steffen und Kotti Yun den zwischen Bericht und soziologischer Studie changierenden Text von Cho Nam-Joo zu beleben, ohne eine künstliche Spielsituation herbeizufantasieren. Die Rollen wechseln mit jeder Szene, jede der drei Schauspielerinnen spielt Jiyoung und überhöht damit die individuelle Erfahrung – eindrücklich musikalisch unterlegt von Jae A Shins Violineinwürfen. Zum anderen schafft das Bühnenbild von Seong Ji Jang einen dialektischen Kontrapunkt: Auf einer kreisrunden Spielfläche finden sich ein gewaltiges Sitzkissen in Form eines Bagels, eine große, blaue Maus, zwei grüne Stoffschlangen und ein Kaugummi. Alles wird nach hinten abgegrenzt durch ein Tor mit Zugbrücke: Eine Kinderspielecke, versehen mit Riesen-Objekten in weichen, runden Formen, ein popartifizielles Ambiente, das das weibliche Ensemble als kleine Puppenfrauen zwischen Spielzeugen erscheinen lässt.
Hier durchläuft Jiyoung ein Martyrium der Erniedrigung, das einen gesellschaftlichen Zustand beschreibt: Sie flüchtet mit Hilfe einer älteren Frau vor den Nachstellungen eines Jungen aus dem Bus und wird prompt von ihrem Vater gemaßregelt; nach der Trennung von ihrem Freund wird sie von anderen Männern als ausgespucktes Kaugummi bezeichnet; im Job verdient sie ein Drittel weniger als ihre männlichen Kollegen; für die Ehe gibt sie ihren geliebten Beruf als Lehrerin auf – und als sie schwanger wird, besteht eigentlich nur die Option, einen Jungen zur Welt zu bringen. Marie Schleefs Inszenierung folgt der Chronologie des Roman aufs Genaueste, blendet auf einem kleinen, über der Bühne hängenden Wölkchen Jahreszahlen ein und übernimmt auch einige der im Buch angeführten soziologischen Verweise.
„Kim Jiyoung, geboren 1982“, Foto: Tommy HetzelAufgelockert werden die Szenen durch Statistinnen, die aber nicht als Staffage missbraucht werden, sondern mit kurzen Textpassagen versehen sind. Je länger der Abend dauert, desto mehr verdichtet sich die frauenverachtende Atmosphäre, bis sie sich als Strick um Jiyoung Hals legt: Als Ausweg bleibt nur die Persönlichkeitsspaltung. Um es mit Rosa von Praunheim zu sagen: „Nicht die Frau ist krank, sondern die Gesellschaft, in der sie lebt“. Beeindruckend, unbedingt ansehen!
Kim Jiyoung, geboren 1982 | R: Marie Schleef | 14., 20.12. | Schauspiel Köln | 0221 221 28400
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