„Herz der Finsternis“
Foto: Thilo Beu

Kuscheln mit dem Stoßzahn

28. Mai 2015

„Herz der Finsternis“ im Theater Bonn – Theater am Rhein 06/15

Es ist Kindergeburtstag in Berlin. Gekommen sind die gekrönten Häupter des Jahres 1884, um unter Anleitung Bismarcks den afrikanischen Kuchen zu vertilgen. Nur König Leopold II. von Belgien im Zottelhermelin ist bockig. Alle haben sich ein großes Stück einverleibt, nur er ist hungrig geblieben – und so nimmt er sich einfach den Kongo. Jan-Christoph Gockel inszeniert in der Halle Beuel Joseph Conrad Erzählung „Herz der Finsternis“ als bösartige Farce. Die Fahrt von Kapitän Marlow zu dem mysteriösen Elfenbeinhändler Colonel Kurtz, der im kongolesischen Dschungel mit gottgleicher Macht Einheimische ausbeutet, wird durchschossen von historischen Exkursen, atmosphärischen stummen Szenen oder Filmeinblendungen. Das euphemistische Gelaber von Idealen, Zivilisation, Freihandel und Aufklärung camoufliert nur mühsam die grenzenlose Gier der Kolonialisten. Videomaterial aus den 1960er Jahren zeigt die brutale Realität der Rohstoff-Ausbeutung, die Versklavung, den atavistischen Terror.

Skurril, aber atmosphärisch wird die Bootsfahrt auf dem kleinen Dampfer „Roi des Belges“ (Bühne: Julia Kurzweg) vergegenwärtigt, Plastikplanen imitieren den Wellengang, Surfvergnügen wechselt mit Lethargie und Langeweile. Der whitegefacete Komi Togbonou überwacht wie ein Dompteur die „Wilden“ Alois Reinhardt, Benjamin Grüter und Hajo Tuschy, hält sie vom Diebstahl ab, gibt ihnen Alkohol und schließlich Waffen – der Sarkasmus trifft sich mit dem eingespielten O-Ton des deutschen Söldners Siegried Müller („Kongo-Müller“), der betrunken von der Brutalität im Kolonialkrieg der 60er Jahren erzählt. Es sind die Dokumente, die die beklemmende Wirklichkeit benennen, das Theater liefert eher die Atmosphäre, die Groteske oder die Symbolik, so wenn Laura Sundermann als Europa mit einem Stoßzahn auf der Recamiere kuschelt. Mit der Ankunft bei Kurtz erhält das Schiff immer mehr Schlagseite. Alles gerät ins Rutschen, Ordnung und Struktur gehen über die Reling, nur Komi Togbonou hält sich an Deck. Trotz mancher Längen ein sehenswerter Abend über eine Phase der Geschichte, die noch längst nicht vergangen ist.

„Herz der Finsternis“ | R: Jan-Christoph Gockel | Theater Bonn | 3., 5., 9., 18.6. 19.30 Uhr | 0228 77 80 08

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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