Manchmal ist der äußere Anlass nötig, um ein künstlerisches Werk wieder ins Bewusstsein zu bringen. Im Fall von Hann Trier ist dies der 100. Geburtstag. Zeitgleich werden seine Bilder im Museum Ratingen und im Landesmuseum Bonn ausgestellt, übrigens relativ parallel zu mehreren Ausstellungen von Bernard Schultze, der ebenfalls in diesem Jahr so alt geworden wäre. Wenn man das Glück hat, beiden Koryphäen der gestisch-abstrakten Malerei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Köln begegnet zu sein, so könnte es sein, dass man sich an Schultze als gesellschaftlichem Mittelpunkt erinnert. Hann Trier hingegen war eher zurückhaltend – obwohl seine Malerei auf Leinwand, Papier und auf Wänden und Decken immer mit Bewegung und Vitalität zu tun hat.
Stilistisch liegen Trier und Schultze nur wenig auseinander. Beide arbeiteten intuitiv mit filigranen, oft brüchigen Linien. Schultze suchte immer den Bezug zum Realismus; seine Bilder lassen in ihrer gestrichelten Verdichtung an Wälder und Grotten denken, mit einer zeitweiligen Nähe zum Surrealismus. Hann Trier nun ging frei mit möglichen Bezügen um, schon indem er synchron mit beiden Händen – und aus dem Radius der Arme heraus – gemalt hat. Aus dem rhythmisch wiederholenden Hin und Her geschwungener Striche in geringen Abständen, gequert von einzelnen Linien, entstehen netzartige Gebilde, die auf der Fläche plastisch wirken. Mitunter stellen sich Anklänge an florale Erscheinungen ein, aber ohne zu viel vorzugeben: Triers Darstellungen sind Zustandsbeschreibungen im lyrischen Ton.
Hann Trier wurde 1915 in Kaiserswerth bei Düsseldorf geboren. Wie etliche Künstler seiner Generation war er Fan von Italien, in Castiglione della Pescaia ist er 1999 gestorben. Trier, der an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat, löst sich nach dem Krieg vom abstrakt Gegenständlichen. Zunächst malt und zeichnet er langgezogene Konstellationen, die von Bewegung und Geschwindigkeit handeln („Radfahren“). Der weiße Grund mit seinen Farbpartien setzt den Bildraum in Schwingungen – eine Wirkung, die er auch künftig im mehrschichtigen Aufbau seine Gemälde und Aquarelle beibehalten wird. Von Ende 1952 bis Mitte 1955 arbeitet er als Grafiker in Medellín. Die Erfahrungen in Kolumbien, besonders mit den Tänzen und der Musik dazu, wirken sich auf seine Kunst aus. Seine wichtigste „Entdeckung“ ist, mit beiden Händen gleichzeitig zu malen – plausibel für einen, der als Linkshänder erzogen wurde, die Rechte zu benutzen, aber die „Tauglichkeit“ der linken Hand nie vergessen hat. Trier durchmisst beidhändig mit seinen Pinselstrichen das Bildfeld, im Wechsel noch von Ein- und Ausatmung. Schon die Bewegungsspur mit dem An- und Absetzen der Farbe weist auf die unmittelbare körperliche Erfahrung.
Hann Trier spricht vom „Tanzen“ mit dem Pinsel und durch den Pinsel. Er verschränkt auf der Fläche Raum und Zeit. Über die vibrierende Strichfolge, die später in ihrer Symmetrie an Rippen erinnert, und mittels der kompositorischen Verteilung von Farbpartien erreicht er eine Vielstimmigkeit mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen, mitunter dichten Strudeln und einer lapidaren Auflösung der Malerei in Richtung auf Schriftzeichen. Damit wird er bekannt, er wird als Professor für Malerei an die Kunstakademie in Berlin berufen und erhält öffentliche Aufträge für Deckenmalereien, etwa für das philosophische Seminar der Universität Heidelberg und für das Rathaus in Köln. Nach seinem Tod aber geriet er zunehmend in Vergessenheit. Das Käthe Kollwitz Museum stellt nun die entscheidenden Schritte Hann Triers zur Ausbildung seines Repertoires in den 1950er und 1960er Jahren vor, anhand der Aquarelle und Zeichnungen auf Papier: Eine anregende Ausstellung, auch im Hinblick auf eine Neubewertung dieser abstrakt-informellen Malerei.
„Hann Trier – Ich tanze mit den Pinseln“ | bis 29.11. | Käthe Kollwitz Museum | 227 28 99
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