Über eintausend Museen soll es in NRW geben. Eine Zahl, die natürlich nur Touristiker verlautbaren können. Dennoch, unter den Museen sind in ganz Deutschland ungezählte Institutionen, die seit ewigen Zeiten beamtengleich ihren Besitzstand verwalten, sich Innovationen verschließen und den Häusern so den Weg in eine neue Zukunft verbauen. Kultureller Unternehmergeist soll nun mit frischem Wind die müden Museums-Amtsschimmel aus ihren heiligen Ställen an die frische Luft scheuchen, so jedenfalls eine schnelle Exegese des von Henning Mohr und Diana Modarressi-Tehrani herausgegebenen Sammelbandes „Museen der Zukunft“, der gerade im Bielefelder transcript Verlag erschienen ist.
Inspiration für den Reader ist unter anderem wohl auch das Modellprojekt „Intrapreneurship in Forschungsmuseen“ (INTRAFO) von 2016 bis 2019 am Deutschen Bergbau-Museum Bochum gewesen – schon damals wurde erkannt, dass „die Implementierung eigenständiger institutioneller Mechanismen notwendig sei“. Im Buch wird dieser Handlungsbedarf durch Beiträge führender Persönlichkeiten aus der Museums- und Kulturlandschaft noch einmal belegt, wobei neue Pfade für eine positive Entwicklung definiert werden – Pflichtlektüre für all diejenigen, die sich in besagtem System bewegen. Aber auch der interessierte Museumsbesucher und insbesondere der kulturpolitisch Interessierte wird die sieben Thinktank-Beiträge des ersten Teils „Tendenzen eines innovationsorientierten Kulturmanagements im Museum“ nicht missen mögen. Wie nah die Texte am Puls der Zeit sind, sieht man bei Ivana Scharfs und Michael Wimmers Beitrag „Museen nach der Pandemie“, über das Corona-Virus, das im letzten Jahr nicht nur zu viel Frust, sondern auch zu geringerem Ansehen der Kulturtempel und Selbstwertgefühl der Handelnden geführt hat.
Im zweiten Teil („Zukunftstrends und Herausforderungen“) gleiten die Autoren durch Visionäre. Und das hat erstmal nichts mit Künstlicher Intelligenz und digitalisierten Räumen zu tun. Da geht es auch um unerreichte Gesellschafts- und damit Besuchergruppen (Ivana Scharf: „Zukunftsfähig mit Outreach“), die als Katalysator für eine gesellschaftspolitische Neuorientierung von Museen dienen könnten, vom pädagogischen Mehrwert ganz abgesehen. Da geht es um postkoloniale Museologie für die Museen der Zukunft. Anna Grewe verlangt in ihrem Beitrag deshalb, „dass die Ausbeutungsstrategien analysiert und individuelle Emotionen zu dem Thema zur Kenntnis genommen und in einen Austausch gebracht werden“. Ein überaus komplexes und kontroverses Thema, denken wir flugs an die Präsentation eines Bootes aus Papua-Neuguinea im letzten Jahr im Berliner Humboldtforum. Das wunderschöne Luf-Boot, wohl das letzte seiner Art, kam im Winter 1904 unter gewalttätigen Umständen in die Hauptstadt. Heute dürfen Nachfahren von der Insel Luf anreisen, begutachten und nachbauen, das Original bleibt unterdessen im deutschen Museum!
Zum Schluss noch ein Wort zur Science-Fiction und mit Dominika Szope zur Analyse „Künstliche Intelligenz und ihre Potentiale im Kulturbetrieb“. Keine Sorge, die Technik wird so schnell keine echten Meisterwerke generieren, es sei denn, der internationale Kunstmarkt macht sie dazu. In Kulturinstitutionen werden KIs wohl früher oder später als pfiffige Roboter ihren Dienst leisten und als Chatbots so tun, als seien sie reale Gesprächspartner. Bleiben wir fürs Erste lieber beim haptisch wertvollen Papier und bilden uns für die Museen der Zukunft.
Henning Mohr & Diana Modarressi-Tehrani: Museen der Zukunft | transcript Verlag | 462 S. | 39 €
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