In Zweisamkeit mit der Leinwand: Hartmut Ernst

Nur du und die Leinwand

19. Dezember 2013

Zum Sog der Reduktion – Vorspann 01/14

In Zeiten, zu denen alles überall und somit auch im Kino immer schneller gehen muss, macht es momentan sehr viel Spaß, einem Phänomen beizuwohnen, das sich erst kürzlich mit „Gravity“ und nun zum Jahreswechsel mit „All is lost“ auf der Leinwand bemerkbar macht: Die Reduzierung auf eine Minimalbesetzung. Während in den Kinosälen drum herum alles höher, schneller und weiter geht und das Mainstreamkino zwischen Auenland und Planet Zombie mit der Wucht der Masse punktet, die Schnittfolge ins Hochgeschwindigkeits-Stakkato gipfelt und Blockbuster im audiovisuellen Overkill von Tempo und Effekten münden, vermögen zum Jahreswechsel gerade die Filme zu fesseln, die sich bewusst der Geschwindigkeit und der Komplexität in Story und Bild entziehen. Und die eben damit atemberaubende Spannung erzeugen.

Der großartige „Gravity“ nahm sich dem Phänomen aus weiblicher Sicht an, „All ist lost“ darf als augenzwinkernder männlicher Gegenentwurf gelesen werden. Hier verkörpert Sandra Bullock, dort Robert Redford einen Menschen, der durch einen tragischen Umstand allein auf weiter Flur strandet, sie im Weltall, er im Ozean. Die Frau schöpft Mut in Selbstgespräch und Tagtraum, der Mann gewinnt Kraft durch die stoische Konzentration auf den Augenblick. Abgesehen davon, dass die Psychologen Hollywoods hier zwei nette, geschlechterspezifische Psychogramme liefern, verwandeln solcherlei reduzierte Produktionen den Kinosaal in einen Raum gehobener Aufmerksamkeit. Je weniger Dialog auf der Leinwand stattfindet, desto mehr Stille verlangt der Kinosaal vom Publikum. Ergreifend, wenn das funktioniert. Wenn es einem Film gelingt, den ansonsten reizüberforderten Betrachter für 90 Minuten zum Schweigen zu bringen, zur Abkehr vom Nachbarn, dem Handy und dem Draußen.

Die Leinwand als Trip, als hypnotischer Fokus. Stanley Kubrick war ein Meister darin. Sein „2001 – Odyssee im Weltraum“ von 1968 verdichtet sich zunehmend auf einen einzigen Darsteller und dessen leinwandsprengende Erlebenswelt. Gus van Sant schickte 2002 in „Gerry“ Casey Affleck und Matt Damon auf den psychedelischen Irrweg durch die Wüste, Lars von Trier setzt 2009 in „Antichrist“ Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg zur abgründigen Therapiesitzung im Wald aus und Duncan Jones bittet ein Jahr später Sam Rockwell auf eine Raumstation, in der ein Mann seinem zweiten Ich begegnet („Moon“). Hin zur Verdichtung, weg vom Dialog. Filme, die zeigen, dass es keiner komplexen Konflikte und Personenkonstellationen bedarf, um Spannung zu gestalten. Schon ein einzelner Protagonist genügt der Leinwand, wenn er den Tod vor Augen hat. Bereits zwei Protagonisten vermögen, einen Krieg zu führen, man kennt das auch außerhalb des Kinosaals. Doch darin: Nur du und die Wüste, das Meer, der Wald, das All, die Stille. Nur du und die Leinwand.

Hartmut Ernst

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