Im August 2023 wurde der Country-Folk-Song „Rich Men North Of Richmond“ zum großen Hit im Internet. Oliver Anthony ist der adoptierte Name des Sängers, der laut eigener Aussage Christopher Anthony Lunsford aus Virginia ist. Der in einem Trailer lebende ehemalige Fabrikarbeiter stürmte mit dem Song die Billboard Charts, als erster Musiker überhaupt, ohne zuvor in den Charts gewesen zu sein. Das dem Erfolg zugrunde liegende Video zeigt ihn in einem Waldstück allein mit seiner Gitarre von Dobro und einem guten Aufnahmemikro. Rötliche Haare, Vollbart, angestrengt-authentische Raspelstimme – ein einfacher Junge, verblüfft vom darauf einsetzenden eigenen Erfolg. „Just some idiot and his guitar“ (übers.: nur ein Idiot und seine Gitarre), schreibt Anthony auf seiner Website.
„Astro turfing“ nennt sich die Praxis, am Tag der Veröffentlichung tonnenweise digitale Downloads eines Songs zu erwerben, um seine Popularität zu steigern. Oder alle Medienplattformen der Neuen Rechten (The Blaze, Daily Wire) mit dem Video zu versorgen. Der Influencer Jason Howerton bestätigte auf (damals noch) Twitter seinen Einsatz ökonomischen und sozialen Kapitals für „Rich Men ...“. Aber ist der Song nicht doch trotz dieser Unterstützung und sofort einsetzendem Lobgeschrei amerikanischer Rechter wie Georgias Kongressabgeordneter Marjorie Taylor Greene oder Politmoderator Matt Walsh eine ehrliche Hymne über die Nöte der einfachen Arbeiter, ein Protestsong? Schließlich kann man sich seine Unterstützer nicht aussuchen, und Mäzene gab‘s immer schon, auch für kritische Kunst.
Schauen wir also in den Text. Ich verkaufe meine Seele, mache Überstunden für lausiges Geld, schleppe mich nach Hause und ertränke meine Sorgen, so beginnt er sinngemäß. Doch schuld sind nicht etwa die Ausbeuterfirmen oder die deregulierten Arbeitsbedingungen, sondern a) „those rich men north of Richmond“ (die Nordstaaten-Eliten, ein rassistischer Tropus aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg), b) die Steuern („‘cause your dollar ain‘t shit and it‘s taxed to no end“) und c) „the obese milkin‘ welfare“ (übergewichtige Sozialhilfe-Bedürftige). Die Politiker sollten sich um die „miners“, die Bergarbeiter, kümmern anstelle von „minors on an island somewhere“. Hier bedient Anthony den QAnon-Code, Politiker (zumeist Demokraten) seien Teil pädophiler Netzwerke. Bei einem Konzert in Glasgow im Februar ‘24 ließ er die Bemerkung fallen, Joe Biden „prefers them under eighteen“ (übers.: bevorzugt sie unter 18).
Ein neueres Video, „Ole Red“ (ein gut gemachtes Cover, der Song wurde erstmals von George Jones aufgenommen) ist in einem noch aktiven Bergwerk aufgenommen. Kontext? Im August ‘23 beklagte sich Anthony über Kritik am Kohleabbau und verwechselte diese mit Kritik an den Bergarbeitern selbst. Energie aus anderen Quellen als Öl, Gas und Kohle sei „new-fangled bullshit“, neumodischer Scheiß.
Anthony steht, passend zur Analyse des Soziologen Rick Fantasia in Le Monde Diplomàtique vor den US-Präsidentschaftswahlen, für „eine Pose, die erkennen lässt, wie sie (gemeint sind Donald Trump und J.D. Vance, letzterer ehemals wie Anthony Arbeiter und aus den Appalachen, Anm. d. Verf.) sich den mythischen weißen Arbeiter vorstellen: als einen zähen, kantigen ,harten Mann‘, der lediglich als Individuum existiert und nicht eine gesellschaftliche Schicht oder Bewegung repräsentiert.“
Wer möchte, kann Oliver Anthony so sehen, wie US-Rechte ihn sehen – und wie der örtliche Konzertveranstalter Prime Entertainment (sinngemäß auch die Konzertagentur FKP Scorpio) ihn auf der eigenen Webseite beschreibt: als einen Sänger, dessen Lieder von den „Kämpfen der modernen Arbeiterklasse“ sprechen und „jenen Menschen eine Stimme“ geben, „die in der öffentlichen Debatte oft übergangen werden.“ Oder Thomas Waldherr zuneigen, der auf seinem reflektierten Blog cowboyband.blog schreibt, „Rich Men ...“ sei „im Grunde einer der gefährlichsten Songs der letzten Jahre, (...) im Kostüm der Sozialkritik“ und „anschlussfähig für die extreme Rechte.“
Man kann also in sein Konzert gehen – oder es lassen. Countrymusik kann so voller Poesie, Anmut und Seele sein. Und echter, nämlich gewerkschaftlicher, Solidarität: Sarah Ogan Gunning, die Songschreiberin von Woody Guthries „I Hate the Capitalist System“, sang 1937, so aktuell wie heute: „I‘m gonna get organised“ (übers.: Ich werde mich jetzt organisieren).
Oliver Anthony | Di 23.9. | Gloria | gloria.koeln
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