Montag, 19. Oktober: Am Abend ist das 26. Festival für Filmschnitt und Montagekunst, Edimotion, in Köln mit der Verleihung der diesjährigen Schnitt-Preise feierlich zu Ende gegangen. Eine Preisträgerin stand dabei wie immer bereits im Vorfeld fest. 2026 war die Wahl der Ehrenpreisträgerin Schnitt auf die österreichische Editorin Karina Ressler gefallen. Schon den Eröffnungsabend hatte man ihr gewidmet, als im Filmforum noch einmal „Little Joe“ aus dem Jahr 2019 zur Aufführung kam und dessen Regisseurin Jessica Hausner die Laudatio auf Ressler hielt. Ganz in der Tradition von Edimotion bestand nun aber auch am Tag der Preisverleihung vormittags noch einmal die Möglichkeit, in das Schaffen der Ehrenpreisträgerin einzutauchen. Dazu hatte man den im Jahr 2008 uraufgeführten Film „Revanche“ ausgewählt, der von Götz Spielmann geschrieben und inszeniert worden war. Damals wurde die bittere Milieustudie sogar als österreichischer Beitrag für den „besten internationalen Film“ bei den Oscars nominiert, zog dann aber gegen den japanischen Beitrag „Nokan – Die Kunst des Ausklangs“ von Yōjirō Takita den Kürzeren. Nach der Projektion des nach wie vor faszinierenden Films im Filmhaus Köln führte Oliver Baumgarten als Moderator durch das QnA. Baumgarten ist einer der ursprünglichen Initiatoren des Festivals, der die Schnittpreisverleihung mit aus der Taufe gehoben hat.

Bewusst langsam angelegt
Gleich zu Beginn des Gesprächs machte Karina Ressler deutlich, dass „Revanche“ seinerzeit zu der damals populären österreichischen Filmströmung der „Feel Bad“-Movies gehört habe. Sämtliche Beteiligte hätten den Film damals bewusst langsam angelegt, wollten sogar, dass sein gedehnter Erzählrhythmus ohne die eigentlich übliche Dramatisierung des Schnitts auf einige Zuschauer langweilig wirken sollte. Damals wäre diese Art des Erzählens in Mode, aber rund zwanzig Jahre später sei sie „irgendwie eine Herausforderung, weil die Aufmerksamkeitsspanne seither noch wesentlich kürzer geworden ist“, so die Editorin weiter. Bei einer Filmlänge von rund 120 Minuten hat Karina Ressler tatsächlich nur ungefähr 200 Schnitte gesetzt. Entgegen der Ansicht, dass das dann deutlich weniger Arbeit sei, im Gegensatz zu einem gleichlangen Film mit fünfmal so vielen Schnitten, erläuterte Ressler: „Langsam inszenierte Filme sind viel schwieriger zu schneiden.“ Deswegen hat sie bei „Revanche“ sehr viel Wert auf den Schnittrhythmus gelegt, mit dem sie die inneren Zustände der Personen ohne Worte zu erfassen versuchte. „In den seelischen Zuständen finden im Film ja viele Veränderungen statt“, ergänzte die Schnittmeisterin. Die eigentliche Arbeit beim Schneiden eines Filmes bestünde auch nicht im Setzen der Schnitte, sondern im Treffen der Entscheidungen, wann und wo ein Schnitt erfolgen soll. Emotionalisierende Hilfen hätte es hier auch kaum gegeben, da Spielmanns Film ganz ohne nicht-diegetische Musik auskommt. Auch diese Entscheidung stehe ganz in der Tradition der damaligen österreichischen Filmschule, zumal deren prominentester Vertreter, Michael Haneke, Filmmusik als „albern“ bezeichnet habe.

Mit dem Schnitt gewichten
Karina Ressler hatte „Revanche“ nun nach sehr langer Zeit zum ersten Mal wieder gesehen und vertrat die Ansicht, dass das im Film geschilderte Durchschneiden der Rachespirale fast etwas Christliches an sich habe, was vermutlich auch die damalige Oscar-Nominierung begünstigt habe. Andere Aspekte des Films fand und findet Ressler problematisch, insbesondere die Schilderung des Prostituiertenalltags im ersten Drittel des Films. „Das hätte eine weibliche Regisseurin wohl anders eingefangen“, so die Ehrenpreisträgerin. Aber auch in diesen Momenten konnte Ressler durch die Szenenauswahl dazu beitragen, Tamara anders zu zeichnen, indem sie Einstellungen aussuchte, in denen diese möglichst tough wirkt, um sie damit im „Männerbedienungsfeld Prostitution“ zu stärken. „Wann immer es geht, habe ich versucht, zu gewichten und den Blick auf die Frauenfiguren zu lenken“, kommentierte Ressler. Sie versteht sich und ihre Berufsgruppe durchaus als Anwälte der Figuren, da sie diese durch ihre Eingriffe im Schnittraum stärken bzw. schwächen könne. „Wir editieren den Film, entscheiden also, wie er herausgebracht wird“, umschrieb der Ehrengast die heute gängige Berufsbezeichnung des „Cutters“. Ressler war laut eigener Aussage seit ihren Anfängen an der Filmakademie Wien in den 1970er Jahren eine Verfechterin rebellischer, feministischer Aktionen. Auch deswegen ist für sie „Revanche“ auch heute noch ein sehenswerter Film, weil er schon vor 18 Jahren das Rollenverständnis des Mannes hinterfragt und den Machismus dekonstruiert habe. Im Gegensatz zur Arbeit mit Jessica Hausner, die sich eigentlich kaum eine Minute im Schneideraum entgehen lässt, hätte sie damals bei Götz Spielmann ziemlich freie Hand, weil er höchstens ein- oder zweimal in der Woche über ihre Schulter geschaut und Brainstorming zum weiteren Vorgehen betrieben habe.
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