Für eine Studioausstellung im Fotoraum inmitten der Sammlung des Museum Ludwig erfährt „Zweimal Deutschland um 1980“ sehr viel Besucherzuspruch. Es mag an der nostalgischen Vertrautheit des Themas liegen. Aus der Foto-Sammlung des Museums wurden Aufnahmen von sieben Künstlerinnen und Künstlern aus Ost- und Westdeutschland ausgewählt. Während die vier Fotograf:innen der DDR dem Umfeld der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig entstammen, sind die drei westlichen Fotografen nicht in Deutschland geboren und stehen so für einen Blick von Außen. Alle Aufnahmen sind Teile größerer fotografischer Projekte, die in ihrer Systematik und vergleichenden Perspektive Erkenntnisse zum öffentlichen und privaten Alltag liefern. Nur auf den ersten Blick ist erstaunlich, dass darunter nichts ist, was direkt politisch wahrnehmbar wäre: keine Demonstranten, keine Soldaten oder Polizisten, keine Mauer. Andererseits gab es in der DDR Vorgaben, was fotografiert werden durfte und was nicht. Und die Aufnahmen in Westdeutschland konzentrieren sich mehr auf das Porträt und zwischenmenschliche Begebenheiten.
Vielleicht steckt ja in der einleitenden Fotografie von Evelyn Richter ein Hinweis auf die deutsche-deutsche Grenze: Hinter einem Gitter sitzt die Pförtnerin im Rathaus Leipzig, im Hintergrund hängt ein Porträtfoto des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Evelyn Richter überwindet aber auch Trennungen, etwa indem sie damals in Köln im Museum Ludwig Gerhard Richters Gemälde eines Aktes auf einer Treppe über Eck gemeinsam mit dem Maschinenbild „Der Diktator“ von Konrad Klapheck fotografiert hat – und damit vielleicht auch die beiden politischen Systeme gemeint haben könnte. Darüber hinaus: Richters Gemälde ist heute im Museum Ludwig quasi nebenan ausgestellt.
Evelyn Richter, Vor Wolfgang Mattheuers „Die Ausgezeichnete“, 1973/74, Albertinum Dresden, 1975, Gelatinesilber auf Barytpapier, Handabzug der Künstlerin, 40 x 30,4 cm, Museum Ludwig, Köln, ©Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig; Repro: Historisches Archiv mit Rheinischem BildarchivKarl Kugel seinerseits dokumentiert eine Reise vom Rheinland nach West-Berlin. Seine Fotografien nehmen das Zugabteil ebenso wie den Blick aus dem Fenster auf und initiieren ein Wechselspiel von Enge und Weite, Stillstand und Fortschritt. Indem sie wie ein Leporello aneinandergefügt und auf Schrägvitrinen aufgelegt sind, verdeutlichen sie den aufwändigen Transfer. Aber mindestens genauso spannend sind die Projekte, die sich einzelnen Personen, ihrem Handeln und Verhalten zuwenden. Henry Maitek ist mit zwei Aufnahmen vertreten, die beiläufig und humorvoll zufällige Szenen entdecken und ihre Beseeltheit herausarbeiten. Derek Bennett hat angesehene Persönlichkeiten als Standesbildnisse porträtiert. Erasmus Schröter hat mit einer Infrarot-Kamera bei Nacht Menschen und Situationen bei feierlichen Anlässen fotografiert: vor dem Varieté, Tanzkurs, Ballabend oder Fest. Seine Bilder wirken wie Snapshots mit einem Hang zum Verwackelten, Unscharfen, das zugleich etwas Subversives trägt: keine schönen Bilder zu den schönen Ereignissen! Zu Recht hat er einen eigenen Raum erhalten, ebenso wie Ute Mahler, die unter dem Titel „Zusammenleben“ gleichartige Paare in ihrer Heimat um Sondershausen-Berka dokumentiert hat. Das Kabinett von Mahler führt übrigens zum Saal der US-amerikanischen Farbfeldmalerei mit Reinhardt, Rothko und Newman – wie großartig!
Sammlung Fotografie: Zweimal Deutschland um 1980 | bis 11.10. | Fotoraum im Museum Ludwig | 22 12 61 65
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