Immer nur auf den Pianisten zu schießen ist auf Dauer unbefriedigend, für den Schützen genauso wie für den Musiker – natürlich. Also wird heutzutage auf alles geschossen, das sich bewegt oder auch nicht. „Targets" (Ziele) nennt Herlinde Koelbl ihre neueste Serie, die gerade überaus passend zwischen weltweitem Völkermord und heiliger Adventszeit in der Bonner Bundeskunsthalle gezeigt wird. Schon der erste Eindruck im Parterre feuchtet den Blick militärisch an. Namenlose Papp-Opfer militanter Gewalt, angstvolle Blicke der Soldaten, zerlöcherte Zielscheiben, großformatig, seriell, kontrastreich auf schwarzen Stellagen gehängt. Räume voller gedachtem Blut, Flächen voller Patronenhülsen und keine Tränen. Und dennoch ist der Schrecken allgegenwärtig. Dabei fing alles vor 30 Jahren für die international renommierte Fotografin relativ harmlos an. Das erste „target" geriet vor ihre Linse. Es war eine zerschossene Blechfigur, irgendwo auf einem Feld. Kein Getreide, nur nackte Ackerfurchen und dieses Ziel für unbekannte Schützen. Herlinde Koelbl hat dieses Foto nie veröffentlicht, aber es hat sie durch die Jahrzehnte im Kopf begleitet. Sie recherchierte über die Bundeswehr, manchmal fotografierte sie Soldaten in Uniform und Zivil. Dann drängte die Zielscheibe wieder ans Licht. Fast manisch lichtete sie Zielscheiben von 31 verschiedenen Armeen weltweit ab, sie fand sie in US-Amerika, aber auch in der Ukraine – vor den aktuellen Ereignissen und dennoch – das Projekt ist plötzlich sehr aktuell geworden.
Und es macht schon nachdenklich, wenn man diese zahllosen unterschiedlichen Ziele erforscht. Hier ein grünes Männchen (Iwan), dort gar eine vollbusige Amazone (Libanon), die Schützen schießen und sie treffen augenscheinlich auch Dinge, die ihnen auf der Metaebene Feinde suggerieren, die sie vielleicht nie erwartet und über die sie nie nachgedacht haben. Seit die Kriege asymmetrisch wurden, soll heißen, dass den Soldaten die Schlachtfelder ausgegangen sind und dass die bewaffneten Auseinandersetzungen jetzt grundsätzlich überall ausgetragen werden, hat sich wohl auch die Philosophie der „targets" gewandelt. Parcours im Häuserwald, dunkle Verließe sind zu sehen, oft Pappkameraden mit Geißeln, die natürlich „unverletzt" bleiben sollen. Manche von den Stellagen fallen tatsächlich um, andere werden nur regelrecht zersiebt, der Kostendruck macht auch hier wohl nicht halt, auch Frauen sind beim weltweiten Zielschießen immer präsent, sowohl vor als auch hinter der Waffe.
Was aussieht wie inszenierte Fotografie ist in Wirklichkeit jahrelange Recherche- und Dokumentararbeit der Fotografin, die zwar nicht in Nordkorea, aber in vielen heißen Spots unterwegs war. Eindrucksvoll auch die komponierten großformatigen Querformate, deren grafisches Momentum dem militärischen entspricht. In China geht man auf den Zentimeter genau postiert an die Schießübung, und selbst die Berge haben dort ziemlich große Zielscheiben. Immer wieder ergänzt Koelbl die „targets" mit Portraitaufnahmen der Soldaten. Ihre Gesichter machen dem Betrachter klar, dass ihre Welt kein Kirmes-Schießstand ist, und dass sie irgendwann die Pappkameraden ersetzen müssen.
„Targets" | bis 11.1. | Bundeskunsthalle Bonn | 0228 917 12 00
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