Eine verlotterte Gestalt in T-Shirt und weiten Jeans und mit Jutebeutel hält eine Ansprache. Irgendein Obdachloser, der von der Leere, der Selbstbezogenheit des Menschen und von einer Utopie schwafelt, hinter dem sich allerdings Fürst Myschkin verbirgt. „Ich rede, um uns alle zu retten“, insistiert er in anrührend-verzweifeltem Ton, und je länger er redet, desto weniger kann man sich der Emphase entziehen. Lina Beckmann spielt die Hauptfigur aus Dostojewskis Roman „Der Idiot“ mit einer unwiderstehlichen Intensität, mischt Duldsames mit Verschrobenem, Zartheit mit Unbeirrbarkeit.
Mit dieser Crossgender-Besetzung gelingt es Regisseurin Karin Henkel, Dostojewskis Schmerzensmann ins Geschlechtsneutrale zu überhöhen, ohne die Verhaftung im Realen zu verlieren. Die Realität ist hier eine von Tausch und Kapital. Kleinteilig türmen sich Warenlager und Shops neben- und übereinander. Im Zentrum ein düsterer Verhau mit der Aufschrift „Rogoschin + Söhne“. Der versoffen-weinerliche Lebedjew (Markus John) hofft, dass sein biederer Sohn Ganja (Maik Solbach) sich endlich verheiratet. Einfädeln soll das General Jepantschin, bei York Dippe ein schwadronierender Wortseifenbläser, der mit seiner Familie an einer Transportkiste speist. Die Generalin (Angelika Richter) trägt Krinoline, die Töchter Aglaia, Alexandra und Adelaida sind aufgeputzt wie Püppchen. Jepantschin will seine Tochter Aglaia an Tozkij verheiraten, wenn der seine Ziehtochter Natascha, die sich von Männern aushalten lässt, an Ganja gibt. Töchter sind hier Terminwaren, die vor dem Verfallsdatum verschachert werden. Myschkin steht mitten im Sturm des Schacherns. Er macht der trotzigen Aglaia (Joerdis Triebel) einen Heiratsantrag und nähert sich zugleich mit Mitleid und Achtung der so stolzen wie sarkastischen Natascha (Lena Schwarz). Sie entscheidet sich schließlich für den selbstzerstörerischen Rogoschin, den Charly Hübner mit großer Körperlichkeit zwischen Sentimentalität und Gewalt ausbalanciert. Die Inszenierung prunkt mit grandiosen Figurenportraits, fast ikonischen Szenen wie der wilden Mitgiftauktion um Natascha. Auch wenn die Inszenierung nach der Pause merklich zerfasert, Karin Henkel gelingt ein überzeugender, vielfach berührender, manchmal sogar genialer Abend.
„Der Idiot“ | R: Karin Henkel | Schauspiel Köln | 30.5./1./2.6. 19 Uhr | www.schauspiel.koeln.de
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