Krishna Mustafa, der Protagonist von Özdogans neuem Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“, hat es nicht leicht. Seine Freundin hat mit ihm Schluss gemacht, weil er sich nicht genügend mit seinen kulturellen Wurzeln beschäftigen würde, für Krishna war das nie ein Thema. Seine Mutter, ein Althippie aus Freiburg, lernte Krishnas Vater in Istanbul kennen, die beiden verliebten sich und zogen zurück nach Deutschland, als Krishna sechs Jahre alt war und seine Mutter fest davon überzeugt war, ihn in eine deutsche Waldorfschule stecken zu müssen, um dem türkischen Schulsystem zu entkommen. Die Ehe seiner Eltern zerbrach und Krishnas Vater ging zurück in die Türkei. Krishna hatte zwar nie das Gefühl, dass er sich im Spagat zwischen der türkischen und der deutschen Kultur befinde, doch nachdem sich seine Freundin von ihm trennt, beschließt er, für sechs Monate nach Istanbul zu ziehen, um sich auf die Suche nach seinen Wurzeln zu machen.
Diese Suche führt ihn auch zum Islam, beziehungsweise eben genau nicht dorthin. Denn auf der großen Einkaufsstraße Istanbuls, der İstiklal Caddesi, findet Krishna zunächst einmal nur christliche Kirchen, keine Moscheen, und zu allem Überfluss noch Weihnachtsbeleuchtung, die dort das ganze Jahr über die Straße erhellt. Wenn sie nur an Weihnachten leuchten würde, wäre das ja christlich, so brennt sie eben immer, erklärt ein Straßenhändler dem verwunderten Krishna. Als er kurz darauf einen Missionar aus Kansas trifft, der mitten in der Stadt versucht, Bibeln zu verteilen, versteht Krishna die Welt nicht mehr. So hat er sich die Türkei nicht vorgestellt. Es ist dieser naive, fast schon kindliche Blick des Protagonisten, der dem Leser eine vollkommen unbefangene Sicht auf die türkische und deutsche Kultur gibt, ebenso wie auf die damit verbundenen Klischees. Einer von Krishnas türkischen Freunden liest immer wieder in der Zeitung von Missbrauchsskandalen in Deutschland, zudem weiß er, dass man dort viel Bier trinkt. Er sieht in Deutschland eine enthemmte, übersexualisierte Kultur, die einen atheistischen Gott anbetet: Den Alkohol.
Özdogan liest an diesem Abend im Literaturhaus viele dieser humorvollen Textstellen vor und gibt Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Romans. Er selbst sei für ein sechsmonatiges Stipendium nach Istanbul gereist, kurz nach den Protesten im Gezi-Park. Zu dieser Zeit habe in der Stadt eine „Atmosphäre der Angst im öffentlichen Raum“ geherrscht – der perfekte Nährboden für die subtile Satire türkischer Art, die sich der Autor für seinen Roman zueigen gemacht hat.
Der junge Krishna wird seine kulturellen Wurzeln nicht in Istanbul finden, ebensowenig wie in Deutschland. Aber darum, das merken die zahlreichen Zuschauer im Literaturhaus schnell, geht es auch gar nicht mehr. Mit „Wieso Heimat, ich wohne bloß zur Miete“ stellt Selim Özdogan das Phänomen der kulturellen Identität als ein verschwommenes Konstrukt dar, das viel mehr ist als nur ein Ort oder eine Ansammlung von Klischees. Die Geschichte verdeutlicht, dass die Grenzen von kultureller Identität im besten Fall ausdehnbar sind, im schlechtesten Fall jedoch auch als Mechanismus der Ausgrenzung funktionieren können.
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