„Iphigenie auf Tauris“
Foto: Alfred Koch

Tätowiert auf Tauris

24. November 2011

„Iphigenie“ im Theater Tiefrot – Theater am Rhein 12/11

In einem alten Indiana Jones-Film, in dem bunt angemalte Priester eines barbarischen Götzenglaubens Menschenopfer bringen, schreit eine weiß gekleidete Frau an Indiana Jones Seite bei jeder Gelegenheit. Daran kann man sehen, dass in Amerika Mitte der Achtziger klar war, dass auch die Zivilisation sich nicht immer zivilisiert benimmt. In Deutschland muss das schon um 1800 herum klar gewesen sein. In der „Iphigenie“-Inszenierung am Theater Tiefrot laufen die Bewohner von Tauris mit Tigerfell-Mänteln und Tattoos rum und Iphigenie dagegen im feinen weißen Kittelchen, was sie aber nicht davon abhält, laut zu werden.

Die Göttin Diana hatte Iphigenie vor ihrer drohenden Opferung in die Fremde zu König Thoas entführt. Iphigenies Bruder Orest wird zu Hause zum Muttermörder und landet, von den Rachegöttinen gehetzt, ebenfalls auf Tauris. Der König will Iphigenie zur Frau, die aber will lieber zurück nach Griechenland. Daraus wird zunächst nichts, sie soll erst einen Fremden, der niemand anderer ist als Orest, opfern.
In Goethes Drama klappt es mit der Heimreise erst, indem die Titelheldin offen und ehrlich an die Menschlichkeit appelliert. Auf der Bühne des Theater Tiefrot wirkt Iphigenies Menschlichkeit wenig souverän. In den ersten Szenen vertraut das Team der Sprache, doch schon bei Thoas’ Auftritt gerät sie aus dem Rhythmus. Volker Lippmann nimmt sich kaum Zeit zu reagieren. In seiner Doppelfunktion als Darsteller und Regisseur schafft er den Schauspielern manch äußere Stütze, von der sie sich aber nicht emanzipieren. Orest und sein Freund verschränken Rücken an Rücken die Arme, geben sich Widerstand, aber die Geste bleibt unklar. Wenig nachvollziehbar auch, warum Iphigenie dem Thoas-Vertrauten Arkas breitbeinig gegenübersitzt. Orest sucht seine Ahnen wie Gulliver auf dem Boden. Als Iphigenie nach Größe fragt, kauert sie mit dem Gesicht am Boden wie ein trotziges Kind. Alles spielt hinter einer Folie, mit der die Schauspieler dann aber wenig anfangen. Am Ende bleibt Thoas in fast aggressiver Einsamkeit zurück. Kleine Lichtblicke, aber kein Maß.

„Iphigenie auf Tauris“ | R: Volker Lippmann | Theater Tiefrot | 6./7.12., 20 Uhr | 0221 460 09 11

CHRISTIANE ENKELER

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