Vorgestellt wird er als „Patenonkel“. Allerdings handelt es sich bei Wilhelm Genazino um einen Onkel, der sich mit Verve für Tarzan und vor allem für dessen Zeichner Edgar Rice Burroughs begeistern kann. Verena Auffermann, die Moderatorin des Abends, lässt den Büchner-Preisträger nachsichtig schwärmen von den Bildgeschichten, die für ihn zu den stärksten Eindrücken seiner Nachkriegskindheit gehörten. Auffermann reagiert an diesem Abend nicht immer geistesgegenwärtig, manchmal fehlt ihr das aufmerksame Ohr oder sie stellt entbehrliche Fragen. Und doch agiert sie stets so geschmeidig, formuliert intelligent und ist einfach Grande Dame, so dass Kritik wie selbstverständlich an ihr abprallt.
Die lit.COLOGNE hat eine prickelnde Mischung dreier außergewöhnlicher Persönlichkeiten in den Brunosaal nach Klettenberg geladen, der sehr gut besucht ist. Neben Genazino, der das Publikum bei aller Melancholie mit seinem trockenen, freundlichen Humor immer wieder zum Lachen bringt, ist es Olga Martynova, die aktuelle Bachmann-Preisträgerin, die hier als „Patenkind“ firmiert. Wilhelm Genazino hat die in Deutschland lebende und schreibende Russin für das Literaturfestival in Köln empfohlen. Sie liest aus ihrem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ hölzern und stolpernd, das Publikum vermag sie kaum zu verstehen. Das spielt aber keine Rolle, sie besitzt Charme und ihr Roman ist ein großartiges Werk zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur. Ein Crescendo unterschiedlicher Stimmen einer Familie, in der die Liebe, die Literatur, die Ehe, Sibirien und Chicago und überhaupt alles verhandelt wird, und das mit Scharfsinn. Im Zentrum stehen die Geschwister Moritz und Franziska und der Dichter Fjodor, der mit dem Tod ringt. Die Stimmen schieben sich kunstvoll ineinander, die 50-jährige Olga Martynova verliert jedoch nie die Orientierung. Ein Glück für ihre Leser, die mit scharf konturierten Bildern und erfahrungsgesättigten Reflexionen gefüttert werden. Eine erzählsichere Prosa, wie sie der Deutschen Literatur gut zu Gesicht steht.
Untypisch wie die Martynova nimmt sich auch Wilhelm Genazinos neues Buch „Tarzan am Main“ aus. Denn wer vermag schon mit solchem Witz deutsche Verhältnisse zu erfassen. Das Buch erzählt mit starkem autobiographischem Einschlag vom Leben in Frankfurt von den sechziger Jahren bis heute. Genazino beschreibt die Zeit als Redakteur bei der linken Illustrierten Pardon und gibt den Blick frei auf die Angestelltenwelt unserer Tage. Ein hinreißendes Buch über Frankfurt, aber vor allem ein ebenso warmherziges wie melancholisches Porträt der Deutschen Nachkriegsepoche. Genazino analysiert die Träume und Realitäten der Menschen im Westen Deutschlands. Was er in Frankfurt zutage fördert, findet sich auch in Köln, München oder Berlin. „Tarzan am Main“ bietet literarische Spaziergänge, so leicht und klug, dass es eine Freude ist. Denn Genazino vermag das, was wir in den unwirtlichen Städten unserer Tage erleben, die noch stark von der Architektur und dem Denken der Nachkriegszeit geprägt sind, mit der ihm eigenen Gewandtheit in Worte zu fassen. Das ist faszinierend und beunruhigend zugleich, Literatur, die den Blick für die Gegenwart schärft.
Olga Martynova: Mörikes Schlüsselbein. Droschl Verlag, 320 S., 22 € | Wilhelm Genazino: Tarzan am Main. Hanser Verlag, 140 S., 16,90 €
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