Man riecht es sofort. Das ist nicht der blaue Dunst der Cohiba-Fraktion, sondern der beißende Qualm von Zigarrenstumpen einer Altherren-Riege. Der 77jährige Fritz Kumetat sitzt mit seinem Alter Ego auf einer weißen Bank und pafft vor sich hin. Genügsam und einsam. Ein Mann, der nicht ins Raster passt, in das Ausstatter Sebastian Ellrich die Personnage von Karl Otto Mühls „Rheinpromenade“ eingefügt hat: In der EXPO steht ein bühnenbreites weißes Regal mit den orangefarbenen Accessoires der Siebziger Jahre, aber auch mit Kumetats verstorbener Frau Mia, seiner Tochter Kläre und ihrem Mann, dem Mädchen Ina und der jungen Küchenhilfe Marta. Sie alle füllen die Regalmeter eines verwalteten Lebens und steigen nur für kurze Gespräche mit Kumetat hinab.
Karl Otto Mühls 27 Szenen waren ein hell, aber schnell verglühender dramatischer Stern aus den Zeiten des politischen Dramas und neuen Volksstücks. Anders aber als Autoren wie Peter Weiß oder Franz Xaver Kroetz hatte der Wuppertaler Autor sich in seiner 1975 uraufgeführten „Rheinpromenade“ einem knappen, nüchtern-lakonischen Realismus verschrieben, in dessen Zentrum die Figuren und nicht gesellschaftliche Mechanismen standen – ohne dass deswegen seine Stücke in einem psychologischen Befindlichkeitssumpf steckenblieben. Regisseurin Nora Bussenius hat für die Wiederentdeckung aus Ur- und Druckversion eine neue Fassung erarbeitet.
Die Doppelbesetzung des Kumetat mit Martin Reinke und dem altersgemäßen Hartmut Misgeld als Alter Ego macht das Stück fast zu einem Zwiegespräch. Die Einsamkeit des Schlossers markiert den Aggregatzustand der an ihrem kühlen Sozialtechnizismus erfrierenden Gesellschaft der Siebziger Jahre. Kumetat wohnt im eigenen Haus, zusammen mit Tochter und Schwiegersohn. Birgit Walter spielt die Kläre mit verwandtschaftlich-beflissener Desinteressiertheit, Michael Weber als ihr Mann Arnold ist ein sich bis zur Karikatur in sinnloses Bücherwissen vergrabender Postbeamter. Das einzige Ziel der beiden ist, den Alten zur Überschreibung des Hauses zu zwingen, was ihnen gelingt, als Kumetat wegen mehrerer Gespräche mit der aufgeweckten Ina (Lissy Wegler) der Pädophilie verdächtigt wird.
Als er sich dann mit der psychisch labilen Küchenhilfe Marta anfreundet, reagiert seine Umgebung nur noch mit schroffer Ablehnung. Martina Frenk verpasst der 26jährigen jungen Frau einen wunderbar patzigen Trotz samt unterschwelliger Sehnsucht nach Zuwendung. Nur zögernd lässt sie sich auf das behutsame, aber bestimmte Werben Kumetats ein, auch sie ist letztlich eine Beschädigte, die in die Nervenheilanstalt eingeliefert wurde. Feinfühlig arbeitet die Regie das Psychogramm der Figuren aus, entrollt manchmal fast etwas zu behutsam die Konflikte – und sorgt so für die erstaunliche Wiederentdeckung eines Autors, der zu Unrecht dem Vergessen anheimfiel.
„Rheinboulevard“ von Karl Otto Mühl | R: Nora Bussenius | Schauspiel Köln | 2./12./15.5. 19.30 Uhr | www.schauspiel-koeln.de
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