Michael Kohlhaas“
Foto: Thilo Beu

Vom Sinn der Nockenwelle

29. Mai 2012

Ulrich Rasche mit Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ in Bonn - Theater am Rhein 06/12

Die Welt ist eine Nockenwelle, und sie dreht sich zwar langsam, aber unaufhaltsam. In ihr will Michael Kohlhaas, der Pferdehändler, nichts anderes als rechtschaffend seinen Weg beschreiten, hat einen Hof, Frau, Kinder und Knechte. Man schreitet voran, bis er auf den rüden Junker von Tronka trifft. Jetzt muss er sich entscheiden: entweder weitertrotten mit dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Obrigkeit oder sein Heil selbst in die gerechte Hand nehmen. Die Kardanwelle interessiert das nicht – sie dreht sich weiter.

Regisseur Ulrich Rasche hat in den Bonner Kammerspielen Heinrich von Kleists Novelle als theatralische Performance inszeniert und dabei eine unaufgeregte, ausbalancierte Spannung zwischen Choreografie und Text erzeugt. Auf Dauer ist das ewige Voranschreiten an Sicherungsseilen gewöhnungsbedürftig, als visuelles Gesamtkunstwerk frönt es aber auch der Monotonie des Weltenkreislaufs, insofern muss das ewige Auf und Ab der Ventile, die als Schauspieler auch einmal entgegen ihrer gesellschaftlichen Bedeutung mal ganz oben, mal ganz unten sind, auch als Metapher verstanden werden. Die Assoziation der Menschen als Marionetten ist durch die Sicherungsseile zwar schlüssig und Kleist-affin, hat aber wohl für die Inszenierung nur eine untergeordnete Bedeutung.

Ebenso unaufgeregt wie die Gesten und Auf- und Abgänge über Leitern funktioniert in Rasches interessanter Deutung auch Kleists Text, der neben der Frage nach Recht und Gerechtigkeit auch die Freiheit gegenüber staatlicher und sozialer Unterdrückung behandelt. Kohlhaas wird vom einflussreichen Junker betrogen. Gegen dieses Unrecht reicht er, erst einmal noch an die feudalen Rechtssysteme glaubend, beim Kurfürsten von Sachsen Klage ein. In schönster Kungelei wird die jedoch mit ständischer Rücksicht auf die Familie von Tronka abgewiesen. Verzweifelte Versuche Kohlhaas‘, sich Gehör zu verschaffen, enden schließlich mit dem Tod seiner Frau, die sich für ihn eingesetzt hat. Kohlhaas entscheidet sich konsequent für „Fiat iustitia, et pereat mundus“ ( „Es werde Recht, selbst wenn darüber die Welt zugrunde ginge“) und beginnt einen Rachefeldzug gegen Wenzel von Tronka, brennt dessen Burg nieder, tötet alle Bewohner; die Horde, die er um sich geschart hat, wird zur Bedrohung für die gesamte Gesellschaft.

Alle Dialoge finden auf der Nockenwelle statt. Anfangs erzeugen Philine Bührer und Hendrik Richter noch mit Mikrofon, Papier und Wasserflaschen Wind und Sturm, später auch Feuerknistern, im zweiten Teil wird auch per Video Feuersbrunst und Schlagwerk auf der Welle beleuchtet. Erst als Kohlhaas mit Martin Luther zusammentrifft, steigen die beiden vom Gerüst. Den Soundteppich haben längst vier Sänger in schwarzen Kostümen (Musik: Johannes Winde) übernommen und untermalen mit Händel die zerrissene Gesellschaft, in der am Ende Kohlhaas nebst Gefolge am Galgen baumelt.

„Michael Kohlhaas“ I Sa 2.6. 19.30 Uhr I Kammerspiele Bonn I 0228 77 80 08

PETER ORTMANN

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