„Vor den Hunden“
Foto: René Reinhardt

Wo ist die Front?

30. April 2014

„Vor den Hunden“ im Theater im Ballsaal – Theater am Rhein 05/14

Eine Frau ruft das Unglück wie einen verlorenen Freund herbei. Am Körper trägt sie ein kurzes Kleid, darunter lugen an den Armen Bandagen hervor, an den Beinen sind kleine Wülste erkennbar. Die Frau ist in einem fremden Land gestrandet. Unsentimental erzählt sie ihre Geschichte, während ihr Körper aufzuplatzen droht. Im Hintergrund erhebt sich plötzlich ihr toter Mann, ein Sargschreiner, singt Townes van Zandts „Nothing“ und berichtet von vielen tausenden Toten, auf deren Leibern Städte wiederaufgebaut wurden.

Zwei Kurzstücke von Marie Nimier, die zu den verstörendsten dieses vierstündigen Abends gehören. Zwei Jahre haben das Bonner Fringe Ensemble und die Schaubühne Lindenfels zusammen mit neun Autoren aus Europa an dem Projekt „Völkerschlachten“ gearbeitet, das jetzt unter dem Titel „Vor den Hunden“ auf die Bühne kam. Es sind Stücke, die mal ganz konkret vom Krieg berichten wie in den Monologen von Lothar Kittstein: Drei Figuren in Kampfuniform stochern im Wahrnehmungsnebel, einmal aus der Vogelperspektive, dann als Wachhabender und als Verletzter im Lazarett mit juckenden Träumen.

Der Großteil der Stücke behandelt allerdings die Momente unterschwelliger Aggression zwischen den Geschlechtern oder bei der Arbeit. Ivo Briedis‘ absurde, an Stanley Kubrick erinnernde Szene „Wo ist die Frontlinie?“ blendet von einem Kriegsdialog direkt in eine Werbeagentur über. Sehr komisch eine Bettszene (Magdalena Barile: Im Bett). Ein nacktes Paar mit Pelzpuschel im Schritt wirft sich in regressive Imponierposen, verhöhnt sich gegenseitig und schwelgt in Weltveränderungsfantasien. Enttäuschend unfertig wirkt dagegen Jens-Martin Eriksens „Breivik im Puppenhaus“ über die Entlassung von Anders Breivik aus dem Gefängnis.

So heterogen die Stücke sind, zusammengehalten wird der Abend durch die Ästhetik der Stierkampfwände, der Kartons, der Flokati-Ästhetik (Ausstattung: Annika Lau, Elisabeth Schiller-Witzmann) und vor allem durch die virtuose Regie von Frank Heuel. Großartig endlich die Schlussszene mit Goran Ferčecs „Arbeitsschlachten“ über den Hungerstreik von Arbeiterinnen in Form einer Bachschen Passion. Nicht alles, aber vieles ist gelungen an dem Abend, vor allem aber: Es wird nie langweilig.

„Vor den Hunden“ | R: Frank Heuel | 11.11. 19 Uhr | Studiobühne Köln | 0221 470 45 13

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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