Foto: Marco Borggreve

Kindheit zwischen Flügeln

22. April 2025

Anna Vinnitskaya in der Kölner Philharmonie – Klassik am Rhein 04/25

Mit ihrer lausbübisch-verschmitzten Interpretation des 2. Klavierkonzerts von Dmitri Schostakowitsch begeisterte Anna Vinnitskaya vor kurzem ihr Kölner Publikum. Beim virtuosen Kabinettstück bereitete es der eingeschworenen Kammermusikerin ersichtlich große Freude, musikalische Dialoge mit sich selbst und mit den quirligen Orchesterinstrumenten zu führen. Schostakowitsch hat es für das Debüt seines 19-jährigen Sohnes Maxim komponiert – ein Werk, geschrieben für Gewinner. Die russische Weltpianistin schlüpfte in diese jugendliche Rolle, ein großer Spaß. Sie wählte als Zugabe ein delikat formuliertes Gondellied von Mendelssohn – Anna wuchs direkt am Meer auf. Der Strand war ihre Spielwiese.

Ihre Tigerprankenschläge der Eröffnung in Tschaikowskys Erstem erinnerten auch schon an einen Stil, den der zeitgenössische Kreis westlicher Kulturliebhaber einst als typisch russisch empfand: grob gemeißelt und riesengroß. Tschaikowsky pinselte die Solistin nicht emotional breit, sondern peitschte ihn durch. Im Andantino aber schloss sie für die Themen aus Mütterchen Russland die Augen, um anschließend glühend und feurig über das Finale herzufallen – in Annas Brust wohnen viele Seelen.

Beim kommenden Konzert in der Kölner Philharmonie spielt Vinnitskaya Kammermusik. Die Kammer ihrer Kindheit war angefüllt mit Instrumenten, die Eltern waren Musiker und unterrichteten auch daheim. Der Großvater, ein Dirigent, schenkte der kleinen Anna einen weiteren Riesenflügel – das Wohnzimmer war voll, aber nicht eng. 

Ihre harte russische Schule bot ihr bestes Rüstzeug für ein Studium in Deutschland, und die technisch schuftende Pianistin erlernte hier den Zugang zu einer individuellen künstlerischen Persönlichkeit. Seit 2009 unterrichtet sie selbst an der Hamburger Hochschule, und sie zielt bei ihren Studenten genau auf diesen befreienden Aspekt.

Frei fühlt sie sich selbst am Klavier, wenn sie Maurice Ravel auflegt, wie gleich mehrfach in ihrem Solo-Rezital im April. Eine Sonate von Skrjabin als Hommage an die Heimat, Schumanns „Carnaval“ grüßt den Pianistenkollegen, und eine Suite für Klavier des angesagten Klarinettisten/Komponisten Jörg Widmann signalisiert ihren sicheren Geschmack bei der Wahl zeitgenössischer Literatur. Schon der Titel beschwingt: „Zirkustänze“.

Anna Vinnitskaya | Mo 28.4. 20 Uhr | Kölner Philharmonie | 0221 28 02 80

Olaf Weiden

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