
Jede Gesellschaft baut auf Idealen und Prinzipien auf, die gefühlt schon immer Bestand hatten. Umso schwerer ist es mit diesen zu brechen, auch wenn sie Leid verursachen. Wie ernst das Leiden sein kann, hat Jawahir Cumar selbst erfahren. Sie leitet die Beratungsstelle stop mutilation Deutschland e.V. mit Sitz in Düsseldorf und ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Im Jahr 1996 besuchte sie ihre Großeltern in ihrem Heimatland Somalia und sah mit an, wie eine Achtjährige beerdigt wurde, die als Folge der weiblichen Genitalbeschneidung verblutet war. Das hat Jawahir Cumar das nicht mehr losgelassen. Gemeinsam mit anderen Frauen hat sie noch im selben Jahr den Verein gegründet und setzt sich seitdem für ein Ende der Praktik der weiblichen Genitalbeschneidung ein, also der vollständigen oder teilweisen Entfernung der äußeren weiblichen Geschlechtsmerkmale. Weibliche Genitalbeschneidung geht auf unterschiedliche Motive zurück, maßgeblich auch auf sozio-ökonomische. So gelten in den betreffenden Gemeinschaften nur beschnittene Mädchen als rein und schön und damit als heiratsfähig. Bildungsungerechtigkeit gegenüber Mädchen und Frauen verschärft den Zwang zur Heirat.
Anfangsprobleme
Es war schwierig für den Verein, in Deutschland Fuß zu fassen, da über weibliche Genitalbeschneidung wenig bekannt war und kaum Bedarf zum Handeln gesehen wurde. Königin Silvia von Schweden gewährte dem Verein im Rahmen ihrer World Childhood Foundation die erste Anschubfinanzierung. Heute ist der Verein eine Beratungsstelle, die von der Landeshauptstadt Düsseldorf gefördert wird.
Laut einer Dunkelzifferschätzung der Organisation Terre des Femmes lebten im Jahr 2022 bis zu 17.271 Mädchen in Deutschland, die durch eine mögliche Genitalbeschneidung gefährdet sind, bis zu 3.867 davon in NRW. Die Beratungsstelle wendet sich an Frauen, Mädchen und Familien, die in Düsseldorf leben. Nur in akuten Ausnahmefällen könnten sie Menschen außerhalb Düsseldorfs ehrenamtlich betreuen. Die Zahlen zeigten jedoch, so Cumar, dass es wesentlich mehr Beratungsstellen geben müsste, als es derzeit der Fall ist, die zudem eng verbunden sein sollten mit der Gemeinschaft der Betroffenen. Der Düsseldorfer Beratungsstelle gehört eine Frauengruppe an, die den Betroffenen als eine Art Ersatzfamilie Rückhalt gibt. Viele Frauen können ihre Töchter nur schützen indem sie mit ihrer Familie brechen. Darüber hinaus gibt es auch Beratungsangebote für Männer, und eine Männergruppe ermöglicht den Austausch untereinander. Kunst- und traumatherapeutische Angebote schaffen weitere Räume, in denen Betroffene die Erfahrungen aufarbeiten können.
Auch Männer aufklären
Eines der wichtigsten Angebote ist die medizinische Sprechstunde. Sie berücksichtigt auch, dass weibliche Genitalbeschneidung kein Bestandteil der medizinischen Ausbildung deutscher Universitäten ist. So sind Ärzt:innen oft überfordert, wenn sie auf eine beschnittene Frau treffen. Die Düsseldorfer Beratungsstelle bietet entsprechend Fortbildungen für medizinische Fachkräfte in Zusammenarbeit mit der Ärztekammer Nordrhein an und unterstützt Frauen, die sich eine chirurgische Rekonstruktion wünschen.
Im Rahmen der Prävention gibt es Fortbildungen für pädagogisches Personal, das eng mit Kindern zusammenarbeitet, für die Polizei und für Mitarbeiter:innen des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“. Die Aufklärung des sozialen Umfelds, das dafür sensibilisert wird, Anzeichen zu erkennen, die auf Gefährdungen von Mädchen hinweisen, ist ein entscheidender Teil der Arbeit. Seit 2013 stellt weibliche Genitalbeschneidung einen eigenen Straftatbestand in Deutschland dar, der mit bis zu fünfzehn Jahren Haft geahndet werden kann.
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