
Denken wir an Deutschland in der Nacht, denken wir an unsere Geschichte – dann ist doch grundsätzlich immer noch vieles gut hier: Freiheit, Wohlstand, Autobahn. Zugleich fragt man sich, warum wir 80 Jahre nach der selbstgemachten Vollkatastrophe darauf und daran sind, Nazis an die Macht zu wählen. Dabei geht’s uns doch so gut wie nie! Natürlich gibt es Gründe zuhauf zu protestieren. Protestkultur mündet inzwischen allerdings weniger in Diskurs oder solidarisch gebettete Großkundgebung, sondern darin, Nazis zu wählen. Und so stellt sich weniger die Frage, ob es uns wirklich schlecht geht, sondern eher dermaßen gut, dass wir Angst davor haben, alles Gute zu verlieren. Deutsche Angst? Mit Angst jedenfalls kann man gut arbeiten – weiß Rechtsaußen und startet durch.
Protest
Rechtsaußen erinnert sich dabei bevorzugt programmatisch an Wording und Ideologie der Nazizeit – und fordert zugleich den Schlussstrich unter derlei Erinnerungskultur. Wäre ja entlarvend, wenn sich jemand daran erinnert, was passiert, wenn man Nazis wählt. Während Erinnerungskultur von Letzteren zur Schuldlast verklärt wird, liegt die Bürde des Erinnerns eigentlich bloß darin, vergangene Verfehlungen künftig zu vermeiden. Und eben das ist in einer Demokratie sogar ziemlich easy: Man braucht bloß Parteien, die sich Naziparole, Hass und Menschenverachtung auf die Fahne schreiben, nicht zu wählen. Das ging sogar 60 Jahre lang mehr oder weniger gut.
Easy Demokratie
Was also ist passiert? Nach dem Krieg hatten wir doch echt gut die Kurve gekriegt: Mit Fleiß, Ordnung und Verdrängung ab in Wirtschaftswunder, Aufschwung, Wohlstand. Dann aber überschwemmt irgendwann der Neoliberalismus unser Land und zerhackstückelt das wiedererlangte kollektive Selbstbewusstsein in vergiftete Egos. Zugleich verbeißt sich verrostete konservative Politik bis heute systematisch in veraltete Strukturen und Werte, während woanders zukunftsweisende und nachhaltige Konzepte subventioniert werden, Deutschland in der Folge seine Vorreiterrolle einbüßt und sich stattdessen vor allem Entwicklungsländer – nun ja, entwickeln. Jetzt fehlt unserem Land die Vision, und alle fragen sich: Wählen wir überhaupt noch die, die unser Land regieren?
Vorbild Politiker
Ein tatenloser Bundeskanzler beschimpft derweil sein Volk und befiehlt: „Anpacken!“ Damit meint er weder die Verantwortlichen der Misere noch sich selbst, sondern die Verlierer, die jetzt alles ausbaden sollen. Währenddessen setzen Demokraten AfD-Politik um und agieren zunehmend autoritär. Götter in Grau, die Wirtschaft und Krieg subventionieren und dort kürzen, wo es längst fehlt für einen gesunden Staat: am Sozialstaat, an der Bildung. Demokraten, die längst selbst auf Erinnerungskultur pfeifen, wenn sie, von Scholz bis Scheuer, Scheiße bauen und vor dem Untersuchungsausschuss einfach: „Ich kann mich nicht erinnern“ lügen – und damit aus allem fein raus sind. Zur Erinnerung: Politiker:innen hatten mal Vorbildfunktion.
Für den Anfang
Es ist an der Zeit, sich in einer Demokratie daran zu erinnern, demokratisch zu denken. Mit Regierenden, die Halt und Sicherheit vermitteln. Die uns beschützen vor Machtmissbrauch und falschen Lehren. Die unsere Eigenverantwortung befeuern. Wir alle können Lehren ziehen aus der Geschichte. Am Ende ist in der Demokratie jede/r gefragt. Brauchen wir erst wieder den braunen „Fliegenschiss“, dieses Elend, um doch wieder von ihm „befreit werden“ zu müssen? Eigentlich würde für den Anfang schon eines reichen: sich zu erinnern. Geschichte ist Erinnerung.
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