Seit 2011 dient das ehemalige Straßenverkehrsamt an der Herkulesstraße als Notunterkunft für Flüchtlinge
Foto: Christopher Dröge

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27. August 2015

Flüchtlinge lernen Deutsch, LehramtstudentInnen erhalten Praxiserfahrung – Thema 09/15 Weltenkinder

Die Notunterkunft für Flüchtlinge, die im ehemaligen Straßenverkehrsamt in der Herkulesstraße untergebracht ist, ist die größte ihrer Art in Köln: Hier leben zeitweise bis zu 600 Personen auf engem Raum zusammen, davon ein bedeutender Teil Kinder und Jugendliche. Um diesen erste Sprachkenntnisse zu verschaffen, kooperiert die Stadt Köln seit April 2014 mit dem Zentrum für LehrerInnenbildung an der Uni Köln. Im Rahmen eines Seminares haben Lehramtsstudierende ungeachtet ihrer Fächer oder Schulform dabei die Möglichkeit, ihr obligatorisches Betriebspraktikum in der Notunterkunft zu absolvieren und dort Praxis im Fremdsprachenunterricht zu bekommen.

Das Konzept dazu stammt von Mona Massumi vom Zentrum für LehrerInnenbildung, die die Studierenden im Vorfeld auf ihre Aufgabe vorbereitet. „Die meisten von ihnen hatten bis dahin kaum Berührungspunkte mit Flüchtlingen und haben nur wenig Hintergrundwissen über deren Situation“, weiß sie. Daher würden die 26 Studierenden, die pro Semester an dem Seminar teilnehmen, zunächst über Grundlagen wie die gesetzlichen Bestimmungen der Aufnahmeverfahren und die Nationalitäten der im Heim untergebrachten Bewohner aufgeklärt.

Jeweils zu zweit erarbeiten die Seminarteilnehmer dann ihr Lehrprogramm, das aus jeweils zwölf Unterrichtseinheiten besteht. Die Herausforderung dabei besteht vor allem in den extrem unterschiedlichen Voraussetzungen, die die Flüchtlingskinder mitbringen. Neben einer Vielzahl an vertretenen Muttersprachen sind nicht wenige außerdem Analphabeten, andere haben in anderen Schriftsystemen wie Arabisch oder Kyrillisch schreiben gelernt und müssen sich auf das lateinische Alphabet umstellen. Viele haben außerdem auf ihrer Flucht traumatische Erfahrungen gemacht, was die Studierenden ebenfalls berücksichtigen müssen.

Saliha Öztürk ließ sich davon allerdings nicht abschrecken. Die 22-Jährige studiert im vierten Semester Englisch und Pädagogik auf Lehramt und hat im vergangenen Sommersemester an Massumis Seminar teilgenommen – von April bis Juni unterrichtete sie gemeinsam mit ihrer Partnerin bis zu zehn Schüler, von denen die meisten aus dem Kosovo, Albanien oder Mazedonien, aber auch aus Pakistan und dem Irak stammen. Bei der Konzeption ihres Unterrichts setzen sie dabei vor allem auf Rituale.

„Begonnen haben wir den Unterricht immer mit einem Stuhlkreis, das war auch für die Kinder das Signal, dass es jetzt los geht. Dann haben wir thematische Blöcke von einfachem, alltäglichen Sprachgebrauch erarbeitet, etwa, wie man sich mit seinem Namen vorstellt. Das haben wir den Schülern dann erstmal zu zweit mit der entsprechenden Gestik vorgespielt und sie es anschließend nachahmen lassen – so ließ sich auch überprüfen, auf welchem Stand die Kinder jeweils waren.“

Den Unterricht kontinuierlich zu gestalten, erwies sich jedoch aufgrund der hohen Fluktuation unter den Bewohnern als schwierig. „Sich mit einzelnen Schülern zu befassen war kaum möglich, weil man sich nicht sicher sein konnte, ob sie beim nächsten Mal wieder kommen würden“, so Öztürk.

Nicht nur, weil diese in andere Unterkünfte verlegt würden, manche verlören auch einfach das Interesse. „Ihre ungewisse Situation macht es vielen Flüchtlingen schwer, Motivation zu entwickeln, da sie nicht wissen, ob und wie lange sie in Deutschland bleiben können“, meint Massumi. „Das war schon manchmal sehr frustrierend aber man darf es nicht persönlich nehmen“, sagt Öztürk. Auf der anderen Seite zeigten sich viele auch sehr dankbar, auch sei es ein Erfolgserlebnis, wenn sich bei manchen deutliche Lernfortschritte zeigten. So zieht sie letztlich ein positives Fazit: „Man lernt, flexibel zu arbeiten und spontan zu reagieren. Ich kann es jedem nur empfehlen.“


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Christopher Dröge

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