Arbeit ist das halbe Leben, sagte zumindest meine Lateinlehrerin – und wohl auch ein paar andere Pädagogen der alten Schule. Ich lebte damals lieber in der anderen Hälfte. Doch noch nie klang der Spruch anachronistischer als jetzt. Die einen arbeiten zu viel, die anderen zu wenig, manch einer gar nicht und demnächst vermutlich alle etwas länger – so zumindest der Plan der Arbeitgebenden und ihrer willigen Helfer. Teilzeitarbeit wird von ihnen immer noch mit Argwohn betrachtet, das Homeoffice ist aus ihrer Sicht nur etwas für Drückeberger und Langschläfer und wer das bedingungslose Grundeinkommen einfordert, will eh nur auf Kosten anderer leben. Das Recht auf Faulheit oder wenigstens auf Erholung wird mit strenger Mine und bösen Worten zurückgewiesen, stattdessen regiert der Fetisch Arbeit. Wer sich dennoch eine Pause gönnt, wird überwacht und bestraft – im sozialdarwinistischen Sinn.
Wetten gegen Beschäftigte
Die technologische Revolution frisst längst ihre eigenen Kinder: Erst die IT die Schwerindustrie, dann KI die IT. Das schwedische Branchenmedium Tech Insider schreibt, dass die Zahl der Entlassungen in der IT-Branche weltweit von circa 150.000 im Jahr 2024 auf rund 250.000 im vergangenen Jahr gestiegen ist, für 2026 werden ähnliche Zahlen prognostiziert. Viele Kündigungen in dieser und anderen Branchen werden laut Harvard Business Review mit einer „Antizipation der Auswirkungen von KI“ begründet – man wettet also auf eine Blase, die, wie viele andere auch, irgendwann platzen wird. Neue Arbeitsplätze werden so nicht geschaffen und die prognostizierten Gewinne beruhen auf Spekulationen. Die abhängig Beschäftigten bleiben auf der Strecke.
Wie vor 100 Jahren
„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, heißt es wahlweise in der Bibel oder beim ehemaligen Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD). Letzterer meinte natürlich die Lohnarbeit. Doch deren Basis bröckelt schon lange, vor allem in den Industriegesellschaften. Drei Millionen Arbeitslose zählt die Bundesagentur für Arbeit. Eigentlich müsste es heißen: Drei Millionen sind ohne Lohn, denn Arbeit gibt es genug, auch und vor allem zu Hause. Aber die zählt bekanntlich nicht. Und bald heißt es wieder wie vor 100 Jahren: „Nehme jede Arbeit an.“
Kampf um die Kruste
Der klassische Neoliberalismus ist Geschichte und der Kapitalismus soll nun durch autoritäre Regime gerettet werden – und das nicht nur in „Failed States“ wie den USA oder Ungarn. Allenthalben werden die Reallöhne und Sozialausgaben gekürzt, während Preise und Ausgaben steigen. Gleichzeitig werden Sozialdarwinismus, Nationalismus und Rassismus zum ideologischen Kitt der postindustriellen Gesellschaften. Autoritäre Charaktere bekämpfen sich und gleichzeitig um den Teil vom Kuchen, der für sie übrig gelassen wurde – in der Regel ist es das trockene Stück vom Rand. Leben heißt hier Überleben – die Teilnahme am Dolce Vita bleibt ihnen verwehrt.
Zerstörung statt Wandel
Dass diese Widersprüche nicht automatisch dafür sorgen, dass die Massen die Sache selbst in die Hand nehmen, zeigen die globalen Erfolge der Rechtspopulisten. Ihnen geht es nicht darum, die Bedingungen für die Abhängigen und Abgehängten zu verbessern. Sie wollen Strukturen zerstören, in denen sich Alternativen (im ursprünglichen Sinne) entwickeln. Thatcherism und Reaganomics haben es vorgemacht.
Den Anfang machen
Doch anstatt dem Fetisch Arbeit zu frönen, sollten die verbliebenen emanzipatorischen Kräfte zu einer radikalen Kritik der (Lohn-)Arbeit übergehen. Forderungen wie das bedingungslose Grundeinkommen können nur der Anfang sein, aber irgendwo muss man ja beginnen, um zu zeigen, dass auch im falschen ein besseres Leben möglich ist.
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