
Es war einer der größten Prozesse der Nachkriegszeit: Von Dezember 1963 bis August 1965 standen in Frankfurt am Main einundzwanzig SS-Männer vor Gericht. Die Anklage: Der Mord an mehr als einer Million Menschen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Den Prozess initiierte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der selbst acht Monate im KZ Heuberg und im KZ Oberer Kuhberg inhaftiert gewesen war. Maßgeblich durch sein Engagement wurde die Öffentlichkeit erstmals mit dem Ausmaß der nationalsozialistischen Gräueltaten konfrontiert. Darüber hinaus ermöglichte Bauer den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem, indem er dem israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad den entscheidenden Hinweis über Eichmanns Aufenthaltsort gab.
„Als Galionsfigur der Aufarbeitung der NS-Verbrechen hinterließ Bauer die Feststellung, dass das Handeln jedes einzelnen Menschen zählt“, sagt Tobias Fetzer, Pressesprecher des Fritz-Bauer-Forums in Bochum. Die 2025 eröffnete Erinnerungs- und Bildungsstätte hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Vermächtnis des Juristen fortzuführen und dem Unrecht in der Geschichte wie in der Gegenwart entgegenzutreten.
Anregen statt anklagen
Den Grundstein bildete ein Studienprojekt. Irmtrud Wojak, Historikerin und Gründerin des Forums, entwarf mit Studierenden des Radcliffe Instituts der US-Universität Harvard Möglichkeiten, Geschichten vom Widerstand zu dokumentieren – Ergebnis ist die interaktive Fritz-Bauer-Bibliothek, die kontinuierlich erweitert wird. Auch in anderen Projekten wie der neu gestalteten digitalen Fritz-Bauer-Ausstellung setzt das Forum verstärkt auf interaktive Elemente wie Faktenchecks und VR-Erlebnisse. „Wir wollen nicht belehrend über Menschenrechte sprechen und anklagen, sondern den Menschen Möglichkeiten an die Hand geben, selbst aktiv zu werden“, erklärt Fetzer.
Zum politischen Engagement regen auch Bildungsangebote an. Das Schulprojekt „Werkstatt Demokratie“ beispielsweise setzt sich mit der Frage auseinander, was einen Helden ausmacht. Fritz Bauer selbst hatte als Kind eine klare Vorstellung davon, was ein Held ist und wollte ein Polizist mit einem Säbel werden, doch seine Mutter erinnerte ihn an die Goldene Regel: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Dieser Devise folgend, sollen die Jugendlichen lernen, die Werke und Ideen ihrer Mitmenschen zu respektieren.
Das Leid aller ernst nehmen
In Vorträgen und Diskussionen beschäftigt sich das Fritz-Bauer-Forum mit den Krisen der Gegenwart. Die aktuelle Ausstellung „Überleben im Zelt“ ist jesidischen Geflüchteten gewidmet, die durch den Angriff des IS auf die im Norden des Irak gelegene kurdische Region Shingal aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Vielen Jesiden in NRW droht aktuell eine Abschiebung in den Irak – obwohl Deutschland den Genozid an den Jesiden als solchen anerkennt. „Daran zeigt sich, dass nicht nur die globale, sondern auch die nationale Asylpolitik vielfach im Widerspruch zu grundlegenden Menschenrechten steht“, meint Magdalena Köhler, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Forums.
Auch bei weiteren Streitthemen, wie dem Krieg in Israel und Palästina oder der Krise des Völkerrechts, sucht das Forum den Dialog. „Unser Ziel ist es, in polarisierten Debatten wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, fernab eines performativen Aufsagens vorgefertigter Narrative die Ambiguitätstoleranz zu stärken und das Leid aller vom Konflikt Betroffener ernst zu nehmen“, so Jakob Liedke, Mitarbeiter des Projekts „Nichts ist Vergessen“.
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