Zyperns Flagge: Olivenzweige symbolisieren Frieden zwischen beiden Volksgruppen
Foto: M-KOS/Adobe Stock

Kinder verkünden Frieden

30. Oktober 2025

Das Projekt „Education for a Culture of Peace“ – Europa-Vorbild: Zypern

Zwischen sandfarbenen UN-Gebäuden, stillen Olivenbäumen und verrosteten Wachtürmen liegt die Pufferzone von Nikosia. Ein Ort, der auf keiner Landkarte richtig zuhause ist. Seit fast fünfzig Jahren trennt diese unsichtbare Mauer das alltägliche Leben in Zypern, doch Kinder lernen nun, sie zu überwinden. Hier treffen regelmäßig Schulklassen aus Nord- und Südzypern aufeinander. Kinder, die sonst kaum eine Gelegenheit haben, miteinander zu sprechen. Im Rahmen des Projekts „Education for a Culture of Peace“ verwandelt sich diese ehemalige Konfliktlinie in ein Lernfeld des Friedens. Was als pädagogisches Experiment im Jahr 2014 begann, ist zu einem Labor für Verständigung, Mut und gegenseitige Achtung gewachsen.

Vertrauen lernen

Das Programm wurde von zypriotischen Pädagogen, Psychologen und Friedensexperten initiiert. Es wird von internationalen Organisationen wie der Association for Historical Dialogue and Research (AHDR), der KTÖS (Türkische Lehrergewerkschaft), der Friedrich-Ebert-Stiftung und anderen europäischen und internationalen Organisationen unterstützt. Ihr Ziel: Friedenskompetenz dorthin zu bringen, wo bisher Misstrauen war. Gewaltfreie Kommunikation, Empathie und die Fähigkeit, andere Sichtweisen auszuhalten, bilden den Kern dieses Projekts. Durch Gruppenarbeiten lernen die Kinder, Sprache als Werkzeug des Verständnisses zu nutzen und Gesten als universale Brücke einzusetzen, wenn Worte fehlen.

Die Initiative bringt Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters zusammen. In kunstpädagogischen Workshops, Spielen und Dialogübungen lernen sie, Perspektiven zu wechseln, Konflikte zu benennen und auf Augenhöhe zu verhandeln. Das zentrale Element ist der Austausch. Nicht politische Theorie, sondern gemeinsames Erleben schafft Vertrauen. Wichtig ist, dass zusammen gelacht wird, egal aus welchen Teilen die Kinder kommen.

Mehr Friedensbotschafter

Nach jedem Workshop kehren sie mit Aufgaben in ihre Schulen und Familien zurück. So werden sie zu „Friedensbotschaftern“, die über ihre Erfahrungen berichten und neue Gespräche anstoßen. Manche organisieren kleine Projekttage, andere erzählen in der Nachbarschaft vom Treffen „auf der anderen Seite“. Der Rückkopplungseffekt ist enorm. Jedes Kind, das Vorurteile abbaut, beeinflusst sein Umfeld. Die unterschiedlichen Formate wie Theaterworkshops, Camps und trilinguale Unterrichtsmaterialien (griechisch, türkisch, englisch) fördern den Dialog, die Sensibilisierung für gewaltfreie Konfliktlösung und eine friedensorientierte Haltung der Kinder und Jugendlichen. Neue Module wie gezielte Anti-Hate-Speech-Trainings und die verstärkte Einbindung der Familien wurden 2025 eingeführt. Die Zahl der „Friedensbotschafter“ und Multiplikatoren wächst stetig, und die Nachfrage nach Trainings für Lehrkräfte ist weiterhin immens. Das ist ein Zeichen für den hohen Stellenwert der Initiative im Schulalltag und in der Zivilgesellschaft. 

Enorme Wirkung

Besonders bewegend sind die Momente, in denen jahrzehntelange Trennung ihre Härte verliert. Lehrende beschreiben, wie Kinder beginnen, sich gegenseitig Briefe zu schreiben, um nicht nur die Sprache, sondern auch die Gedanken des anderen kennenzulernen. So entsteht, was viele Erwachsene längst aufgegeben hatten, eine gemeinsame Lernsprache des Friedens. 

Der Ort selbst, Nikosia, bleibt symbolisch. Im neutralen Raum der UN-Zone erleben die Kinder, dass Identität nicht auf Grenzen basiert, sondern auf Begegnung. Für die Initiator:innen des Projekts ist das mehr als ein pädagogischer Ansatz. Es ist ein Zukunftsentwurf für eine geteilte Insel, die neue Generationen schon heute anders denken lässt.

Das langfristige Ziel ist ehrgeizig: Aus einzelnen Workshops soll ein nachhaltiges Netzwerk entstehen, das Lehrkräfte aus beiden Landesteilen weiter einbindet. Kooperationen mit Friedensbildungsprogrammen anderer Länder stehen bereits im Raum. Denn was in Zypern gelingt, könnte Modellcharakter für viele konflikterfahrene Regionen Europas haben.

Inés Carrasco

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