Chefdirigent Daniele Gatti
Foto: Anne Dokter

Die magische Zehn

30. September 2026

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 10 im Konzerthaus Dortmund – Klassik an der Ruhr 10/26

In der dritten Saison beschäftigt sich die Staatskapelle Dresden und ihr Chefdirigent Daniele Gatti mit dem sinfonischen Werk Gustav Mahlers, in seiner Gänze ein Novum für die Elbresidenz. Die Vorbereitung eines Programms mit der 10. Sinfonie des österreichischen Komponisten könnte nicht intensiver ausfallen. Die drei heimischen Sinfoniekonzerte in der wunderschönen Semperoper liegen nur Tage zurück, wenn Daniele Gatti jetzt die Zehnte aufschlägt: Ein Werk, das Mahler nicht geheimnisvoller hätte gestalten können, ein klingendes Vermächtnis, das sein Schöpfer niemals gehört hat.

Denn auch Mahler scheiterte wie schon Beethoven, dessen 200. Todestag im nächsten Jahr einigen Wirbel verspricht, an der magischen Zahl 10. Beethovens Zehnte wurde vor fünf Jahren spektakulär durch KI „rekonstruiert“, ohne aktuell noch tiefe Spuren hinterlassen zu haben. Bei Mahler begann die Arbeit wesentlich früher. Die Materiallage sah wesentlich besser aus, obwohl auch hier von Anbeginn große Zweifel über die Rechtmäßigkeit einer Ergänzung bestanden – der Fall „Mozarts Requiem“ samt Mordgeschichte mit Salieri hat Maßstäbe gesetzt. Dabei gibt Gustav Mahler mit handgeschriebenen Gedankensplittern auf den Skizzenblättern genügend Stoff für tiefgründige philosophische Erwägungen: „Erbarmen!! O Gott! O Gott! Warum hast du mich verlassen?“

Ein Musikwissenschaftler und spezialisierter Mahlerforscher aus England hat den Komponisten und seine Zehnte nie verlassen. Jahrzehnte beschäftigte sich Deryck Cooke mit der Hinterlassenschaft. Zum 100. Geburtstag Mahlers im Jahre 1960 konnte eine erste Rekonstruktion erklingen, die noch mehrfache Überarbeitung erfuhr. Daniele Gatti bewundert, so äußerte er sich zu dieser Aufführung, vor allem „diese Haltung des Dienens“ des britischen Forschers, der damit „die dem Werk gegenüber hingebungsvollste Fassung“ geschaffen hat. Der Pragmatiker Gatti sieht die Vorteile einer Aufführung unstrittig positiv, er akzeptiert Vorbehalte, setzt aber auf die Kraft der Musik und deren unbedingte Ausdruckskraft. Giuseppe Sinopoli, der viel zu früh im Graben der Semperoper verstorbene Maestro, hat den Mailänder Gatti erstmals nach Dresden geholt. Und damit ein künstlerisches Erbe weitergereicht bis weit über den Tod hinaus. Jetzt dürfen dieDortmunder und die Kölner Musikfansteilhaben an Mahlers späten Erscheinungen: „Der Teufel tanzt es mit!“

Sächsische Staatskapelle Dresden: Gustav Mahler Sinfonie Nr. 10 | Sa 31.10. | Konzerthaus Dortmund | So 1.11. | Kölner Philharmonie

Olaf Weiden

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