
Zuerst einmal: Ja, wir sind hierzulande medizinisch gut versorgt. Also, vergleichsweise. Schlimmer geht ja immer. Doch auch in unserer Wohlstandsnation herrscht Unrecht. Das fängt spätestens mit privilegierter Schulbildung an und zieht sich über steuerfreie XXL-Erbschaft bis hin zur Pflege im Alter. Dazwischen: jede Menge Arzttermine. Dort ist es dann grob so eingerichtet, dass, wer mehr Geld hat, privat versichert ist und wer weniger hat, gesetzlich. CDU/CSU/FDP haben das Gesundheitssystem 1985 dann noch massiv profitorientierter ausgerichtet. Das gehe auch gar nicht anders, so Dr. med. Karl-Heinz Weber 1996 im Ärzteblatt: „Aus ethischen Gründen läge es nahe, auf der Anbieterseite Medizin und Kommerz zu trennen“. Aber die Praxis beweise – Weber beruft sich hier auf Erfahrungen mit Gesundheitssystemen in kommunistischen Regimen und mit der Bürokratie – dass „dieser Weg nicht möglich“ sei. Fazit: „Hippokratische Berufsethik des Arztes ist notwendig, muß aber materiell unterlegt werden.“
Schafe und Götter
„Unterlegt“ ist natürlich ein dehnbarer Begriff und die Auslegung Charakterfrage. Aber weiße Schafe gibt’s ja überall, selbst unter Göttern in Weiß. Zugleich wird die Versuchung, Patient:innen ungleich zu behandeln, systemisch forciert, wenn gesetzlich Versicherte unattraktiv gebrandmarkt und Privatpatient:innen als Cashcows angelegt werden. So bietet ein Folgebesuch gesetzlich Versicherter im selben Quartal unseren Dottori schon kaum mehr finanzielle Anreize. Auch so manche Einzelleistung ist von der Gebührenordnung nicht erfasst und wird den Leidtragenden als einträgliche Igelleistung angeboten, nahegelegt, aufgedrängt. Der Privatpatient indes: Fast jede Leistung wird vergütet, und jedes Arztgespräch bringt Cash, sobald es zehn Minuten überschreitet. Für Privatpatienten nimmt man sich folglich gern was mehr Zeit. Zum Ausgleich schont man derlei Klientel dann mit der Verweildauer im Wartezimmer. Die Terminvergabe variiert dann zwischen sofort (privat) und open end (gesetzlich). Man kann der Ärzteschaft natürlich nicht grundsätzlich Arges unterstellen, wenn schon das System krankt: Massive Unterschiede in der Gebührenordnung forcieren Unterschiede im Umgang der Praxen mit den Patienten. Ärzt:innen sind eben auch bloß Opfer – Personal will entlohnt, ärztliches Gerät und zweites Haus wollen abbezahlt werden.
Müde statt neidisch
Rund 73 Millionen Deutsche sind gesetzlich krankenvollversichert. „Diese systematische Diskriminierung von 90 Prozent der Bevölkerung ist nicht länger hinnehmbar“, moniert Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Chefin des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Zugleich nehmen 2013 von den Diskriminierten nur 9 Prozent Anstoß an dem Zustand, und daran dürfte sich bis heute wenig geändert haben. Denn das trichtern uns Politik und Populismus ja stoisch ein: Wer unten ist, möge bitte bevorzugt nach unten treten! So macht Kanzler Merz staatsmännisch Asylbewerber für mangelnde Arzttermine verantwortlich, und Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, erklärt die Kritik an der Ungleichbehandlung in den Arztpraxen zur (gähn!) Neiddebatte. Auch diese „Neiddebatte“ ist natürlich tatsächlich eine Unrechtsdebatte. „Ein durchschnittliches GKV-Mitglied zahle jährlich 48 Euro dafür, dass Gutverdiener, Beamte und Selbstständige sich dem Solidarausgleich entziehen“, ermittelt die Bertelsmann Stiftung in einer Studie 2020. Alles nicht gesund – aber es juckt uns nicht. Vielleicht sollten wir besser mal zum Arzt gehen. Obwohl …
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