
Ich habe lange gezögert,ehe ich mich im August 2022 zu einer empfohlenen Hüft-OP durchgerungen habe, einer „Routine-OP“, bei der so gut wie nichts schiefgehen könne, hieß es, durch das Rapid Recovery Programm würde ich binnen weniger Tage entlassen werden und nach drei Wochen Reha „good to go“ sein. Heute, fast drei Jahre, mehrere Rehas und unzählige Stunden Physiotherapie später, kann ich mich zwar ohne Rollstuhl, Rollator oder Krücken bewegen, bin aber nun ein Mensch mit Behinderung. Was ist passiert?
Der Ischias-Nerv wurde bei der OP zerquetscht. Folge: Unterschenkel und Fußlähmung gepaart mit Nervenschmerzen, Polyneuropathie genannt. Kunst- oder besser Behandlungsfehler nennt man das. Laut Medizinischem Dienst (MD) wurden im Jahr 2023 fast 12.500 Verdachtsfälle gemeldet und fast 3.600 als Behandlungsfehler anerkannt. Aber das sind nur die gemeldeten Fälle, für die Gutachten erstellt wurden – ungeachtet der Dunkelziffer von Geschädigten, die keine Meldung machen, weil sie ohnehin keine Unterstützung durch ihre Krankenkassen oder vom MD erwarten.
Dunkelziffer und Intransparenz
Einen erlittenen Schaden als Behandlungsfehler anerkannt zu bekommen, gleicht einer Zitterpartie. Die Geschädigten müssen nämlich nachweisen, dass ihr Schaden eine direkte Folge der Behandlung ist. Doch für Laien sind medizinische Sachverhalte schwer zu verstehen, wie sollen sie das nachweisen? Wo doch Krankenhäuser und Ärzt:innen, um Reputationsverluste zu vermeiden, intransparent agieren und über Kolleg:innen selten negative Gutachten verfasst werden. Ich hatte laut Gutachter einfach „Pech“. Ein schuldhaftes Handeln könne nicht nachgewiesen werden.
Anders als etwa in den USA, wo Geschädigte immerhin mit einem Schmerzensgeld rechnen können, gehen Patient:innen in Deutschland meistens leer aus. Eine Geldzahlung zaubert den Schaden nicht weg, zeigt den Geschädigten aber, dass man ihr „Pech“ wahrnimmt. Patient:innen haben zudem nicht nur den Schaden, sondern oft hohe Folgekosten für Behandlungen, Zuzahlungen, Umbaumaßnahmen und mehr und sind somit doppelt bestraft. „Patientinnen und Patienten werden hierzulande im Stich gelassen“, sagte der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, nach Veröffentlichung der MD-Statistik im August 2024.
Doppelt bestraft
In jedem Arbeitsfeld passieren Fehler. Und gerade in Krankenhäusern arbeiten Fachkräfte bis zum Anschlag, trotz aller Sorgfalt können daher Fehler passieren. Nur: Mediziner:innen und Krankenhäuser geben ihre so gut wie niemals zu. Dabei könnte eine bessere Fehlerkultur einiges verhindern. Etwa mit anonymen Patienten-Meldesystemen, Fehlerschulungen für Personal und die verpflichtende Erfassung von sog. Never Events, d.h. tatsächlich oder potentiell schädlichenVorkommnissen, die bei Einhaltung von Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen vermeidbar wären. „Im deutschen Gesundheitswesen hat die Risiko- und Sicherheitskultur nicht den nötigen Stellenwert. Die gemeldeten Fälle sind die Spitze des Eisberges“, sagt Ruth Hecker, Vorständin beim Aktionsbündnis Patientensicherheit.
Auch ein anderer Umgang mit Geschädigten würde helfen. Oft werden Patient:innen nicht ernst genommen. Obwohl ich nach der OP bald merkte, dass mein Bein gelähmt war, wurde das zunächst auf die Narkose geschoben, die bei manchen Menschen halt länger wirke. Folglich wurde nichts unternommen. Nebenbei bemerkt zeigt eine aktuelle Studie der Berliner Charité, dass Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte in Krankenhäusern und Praxen weniger ernst genommen und schlechter versorgt werden. Was für ein Pech aber auch.
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