Leben in einer vielfältigen Welt
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Unser höchstes Gut

30. Oktober 2025

Teil 3: Leitartikel – Von Kindheit an: besser friedensfähig als kriegstüchtig

Es stimmt leider: In einer Welt, die von Putins, Trumps, Xí Jìnpíngs und anderen fragwürdigen Gestalten regiert wird, ist es nötig, im Zweifelsfall wehrhaft zu sein. „Kriegstüchtig“, im martialischen Jargon der Zeit. Demokratie, Freiheit, Rechtsstaat: Es widerspricht ihren Idealen, aber wir müssen in der Lage sein, Autokratie, Zwang und Willkürsysteme abzuschrecken. Für die Symptomatik, für Kurz- und Mittelfristigkeit ist dies leider notwendig.

Wer mit sich im Reinen ist, muss nicht hassen

Die Ursachen jedoch werden wir so nicht beheben. Gibt es ein Allheilmittel gegen Hass, gegen Rechtspopulismus und -extremismus? Nein, das gibt es nicht. Trotzdem kann man etwas dagegen tun, nämlich mittels Bildung – zugegeben, ein stets bemühter Begriff. 

Ja, es gibt gebildete Menschen, die hassen. Doch welche Bildung ist das: eine kognitiv-intellektuelle? Vielleicht. Eine emotional-empathische? Wohl kaum. Waffen schaffen keinen Frieden, maximal einen negativen Frieden, das Ausbleiben von Kriegshandlungen durch Abschreckung. Einen nachhaltigen Frieden, den schaffen wir nur durch uns, wenn wir ihn in uns schaffen. Das funktioniert nur über Bildung, über Erziehung. Wer mit sich im Reinen ist, muss andere nicht hassen, nicht verachten, nicht Angst haben, sie könnten ihm oder ihr etwas wegnehmen.

Bundeswehr oder Bildung? 

Nehmen wir 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr in die Hand – was leider notwendig ist –, dann müssten wir 200 Milliarden Euro für Bildung locker machen. Mindestens. Wie kann es sein, dass uns eine marode Infrastruktur bei der Bundeswehr oder bei der (Auto-)Bahn mehr zur Wallung und letztlich zur Handlung bringt als schlecht ausgestattete Schulen, aberwitzige Klassengrößen und überlastete Lehrkräfte mit Erschöpfungsdepression? Anerkennung bleibt ebenso aus: Kaum ein Berufsstand, über den so gerne gewitzelt wird, wie über Lehrkräfte.

Dabei vertrauen wir Lehrkräften das höchstmögliche Gut an, übrigens auch im volkswirtschaftlichen Sinne: Kinder und Jugendliche. Nehmen wir noch Kitas und Erzieher:innen hinzu, ein weiteres Beispiel für eine marode Infrastruktur und für eine fast unanständig schlechte Bezahlung. Für jene, die im Zweifelsfall all das sein müssen, was Kinder und Jugendliche brauchen: Eltern, Erzieher:innen, Pädagog:innen, Sozialarbeiter:innen, Trainer:innen, Therapeut:innen u.v.m.

Gott, Mittelalter, Steinzeit

Ihre Ausbildung müsste hervorragend sein, denn kaum jemand sollte sich in seiner Arbeit so gut selbst reflektieren können, selbst sehen können, was er oder sie im Umgang mit Kindern und Jugendlichen eventuell an eigenen Problemen ausagiert. Sie müssten ein Höchstmaß an Authentizität und Ambiguitätstoleranz mitbringen, um diese weitervermitteln zu können, sodass sie nicht fehlt in einer Gesellschaft, in der wir den anderen nicht mehr zuhören, sondern uns über sie empören.

Was wird nicht gestritten, wo es an Fachlichem in der Schule fehle: Ein Fach Wirtschaft, mehr Informatik, statt Französisch oder Türkisch besser Python und C#. Dabei fehlt es uns nicht an Verstand in Verstandesdingen, sondern im Emotionalen, wie der Ingenieur und Schriftsteller Robert Musil (1880-1942) schon festgestellt hat. Auch der Biologe Edward O. Wilson (1929-2021) hat recht: Gottgleiche Technologie und mittelalterliche Institutionen treffen auf steinzeitliche Emotionen. Siehe Musk, Trump, AfD, siehe ihre Wählenden. Eine emotionale Bildung hin zu einer nachhaltigen Friedensfähigkeit ist kein Allheilmittel. Aber es ist die einzige Möglichkeit. Das wusste schon die Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870-1952): „Dauerhaften Frieden herzustellen ist die Aufgabe der Erziehung“.

Paul Tschierske

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