Leuchtturm auf Sylt. Ob man von hier aus den Klimawandel sehen kann?
Foto: Marius Faust/Adobe Stock

Welt statt Wahl

29. Januar 2026

Teil 2: Leitartikel – Klimaschutz geht vom Volke aus

Natürlich sind Putin in der Ukraine, der Immigrant im Stadtbild und der Gedanke an individuelles Umdenken derzeit bedrohlicher als der Klimawandel, der ja bisher bloß abstrakt den Niedergang ihres Hauptverursachers einleitet. Tatsächlich befinden wir uns längst im Wettlauf der Kipppunkte: Die Wissenschaft warnt vor klimatischen Kipppunkten, die irgendwann massive, unumkehrbare Kettenreaktionen in Gang setzen. Um dem etwas entgegenzusetzen, bedarf es wiederum sozialer Kipppunkte: Wir brauchen endlich den gesellschaftlichen Wandel, der den Klimawandel verhindert. Alle müssen ran.

Politiker gesucht

Diesen gesellschaftlichen Wandel anzuschieben, liegt in Verantwortung der Politik, die nicht etwa darauf vereidigt ist, Schaden in der Wahlkabine, sondern vom deutschen Volk abzuwenden. Wer regiert, will indes nicht die Welt retten, sondern die nächste Wahl. Und der Wohlstandsbürger will, dass die Welt gerettet wird, sich aber dabei bitte nichts für ihn ändert. An sich wäre schon viel getan, wenn jede und jeder Einzelne Verantwortung übernähme und selbst kleines Alltägliches beitrüge zum Klimaschutz. Noch mehr wäre geschafft, wenn auch die Politik, s.o., ihrem Job nachkäme.

Nun sind Politiker gewöhnlich Parteipolitiker, und fast allesamt sind sie bloß Juristen und nicht etwa Experten in ihrer Zuständigkeit. Folglich engagieren sie geneigte Berater oder geben Studien in Auftrag bei Stiftungen, die der eigenen Partei gewogen sind. So empfiehlt die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung in Sachen Klima, nicht dirigistisch vorzugehen, sondern mit dem Emissionshandel als Leitinstrument auf Technikoptimismus zu wetten – die Hoffnung stirbt zuletzt.

Hochzeits-Jetset

Entsprechend ist unser Kanzler beraten. Ein Kanzler, der in Klimasachen ohnehin beratungsresistent ist: Wer mit dem Privatjet zur Hochzeit auf Sylt fliegt und eine Gas-Lobbyistin zur Wirtschaftsministerin ernennt, der behauptet auch gern noch im Sommer 2025, unser Anteil an CO2-Emissionen sei so klein, da brauche Deutschland nicht ins Handeln zu kommen. Abgesehen davon, dass unsere Welt in Sachen Klimaschutz dringend Vorreiter aus reichen Staaten braucht (während schon längst ärmere Länder diese Vorbildfunktion einnehmen – Costa Rica lässt grüßen), liegt unser kleines Deutschland mit seinen bisher „kulminierten, verbrennungsbedingten Emissionen“ von 100 Milliarden Tonnen CO2 weltweit auf Platz vier. Das fächert Christian Stöcker anschaulich in einem seiner Spiegel-Artikel auf, die ein Friedrich Merz wiederum nicht liest.

Kein Merz, kein Spahn und schon gar kein Söder, der sich lieber im Interview-Podcast Hotel Matze völlig unwidersprochen zum menschelnden, volksnahen Naturfreund stilisiert und dabei einer vermeintlichen Arroganz der Grünen die Schuld an seiner Abkehr von effizienten Klimaschutzmaßnahmen gibt. Wenn Klimapolitik derlei gekoppelt ist an Kleingeist, dann ist die aktuelle deutsche Klimaoffensive bloß folgerichtig: den Verbrenner-Ausstieg europaweit ausbremsen. Ansonsten: einfach weiter Kompensations-Gelder raushauen. Das machen wir Deutschen ja ohnehin am liebsten: Zahlen statt Handeln. Oder mal spenden.

Handeln statt zahlen

Wie also bekommen wir unser Land noch klimafreundlicher? Vielleicht muss nicht die Politik Vorbild sein für das Volk, sondern umgekehrt. Machen zählt! Die Macht geht vom Volke aus. Gesellschaftliche Kipppunkte initiieren – als Wähler, als Konsument, als Firma, als Stadt. Die große Politik indes sollte dem zumindest keine Steine in den Weg legen. Klimarettung braucht keine Schwurbelei. Klimarettung braucht eine Vision.

Hartmut Ernst

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